Reden statt Lesen

19. November 2001, 10:50
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Der Ober berät besser als die Karte

Ich liebe Sie! - die Diskussion mit dem Ober über die Spezialitäten des Tages und das optimal begleitende Glas Wein. "Und heute haben wir wieder einen sensationellen Branzino, ganz kurz gebraten, auf Blattspinat, nur mit etwas Zitrone - ein Gedicht!" Sind solche Schilderungen nicht allemal dem faden, unschlüssigen Blick in die Menükarte vorzuziehen?

Empfehlungen

Gewiefte Wirte und ihre Kellner haben es längst begriffen: Besonders der eilige Businesslunch-Gast schätzt derartige Hinweise, Empfehlungen und eine charmante Beratung. "Ich schau’ am liebsten gar nicht mehr in die Karte", sagte mir unlängst ein Geschäftsfreund. Er hat Recht. "Reden statt Lesen" ist angesagt. Zumal die Frage an Ihren Businessgast - "wonach gelüstet es Sie?" - ein willkommener, kommunikativer Eisbrecher für das nachfolgende Geschäftspalaver ist.

Der Oberkellner ist dabei Ihr wichtigster Verbündeter. Er muss mitspielen und in den Dialog mit Ihrem Gast eintreten. Die Art und Weise wie Sie selbst dabei moderierend agieren, etwa wenn Sie den Kellner beim Namen kennen und ansprechen, verhilft Ihnen zu ersten Pluspunkten bei Ihrem Geschäftspartner und fördert eine freundliche Atmosphäre. Und natürlich steigt auch der Gusto bei den spielerischen Diskursen, z.B. über die besonders puristisch - nur in Olivenöl - zubereiteten Steinpilze, die Sonderwünsche über Beilagen oder Weglassungen und die Fachsimpelei über das Glaserl Wein.

Die "Reden statt Lesen"-Philosophie beim Bestellungs-Ritual wird allerdings leichter im vertrauten Stammbeisl stattfinden, wo man nicht nur Ihre Vorlieben bestens kennt, sondern Ihnen auch gerne "hilft", Ihren Gast positiv einzustimmen.

Von Wolfgang Rosam
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