Lebenslanges Lernen, aber was?

31. August 2001, 14:02
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Bildungsexperten, Zukunftsforscher, Wirtschaftstreibende und Politiker nahmen das Gebot des Informationszeitalers unter die Lupe

Alpbach - Die Ökonomie hat dem Thema Weiterbildung Priorität eingeräumt. Mit gutem Grund: Was in den Köpfen der Mitarbeiter an Know-how und Kreativität steckt, bestimmt den Wert der einzelnen Unternehmen. Und den Wohlstand ganzer Nationen, unter anderem wenn es um Standortentscheidungen multinationaler Konzerne geht. Was einzelne Mitarbeiter im Kopf haben, definiert aber auch zum Großteil deren Jobfitness und damit den Wert des erwerbstätigen Individuums auf dem Arbeitsmarkt.

Wissensexplosion

Aber was soll man noch lernen, wenn universitäres Wissen oft schon nach fünf Jahren überholt ist? Sollen sich Bildungswillige angesichts der Informationsexplosion und der Rasanz des technologischen Fortschritts spezialisieren? Oder gilt es, auf den vielzititerten Generalisten zu setzen, sich mit Team-, Kommunikations- und Motivationsfähigkeit zu rüsten, mit ausgefeilten Präsentationstechniken zu harnischen und so den Wettkampf um die begehrtesten Positionen für sich zu entscheiden? Und wer soll bezahlen? -Der Staat, der Arbeitgeber oder der Arbeitnehmer?

Bildungssystem neu überdenken

"Ein Land, das die ältesten, teuersten und nicht unbedingt konkurrenzfähigsten Studenten hervorbringt, muss sein Bildungssystem neu überdenken", ist Paul Höfinger, Vizepräsident der Donau-Bank überzeugt. Und stößt damit in die gleiche Richtung, die vom Großteil der in Alpbach versammelten Wirtschaftskapitäne auf Diskussionspodien und in den Pausengesprächen vertreten wird. Während die Fachhochschulen in kürzerer Zeit praxisorientierte Inhalte vermittelten, träten Uni-Absolventen ohne das für Führungskräfte nötige Rüstzeug ins Berufsleben ein.

Basisfertigkeiten

Die Vermittlung von Basisfertigkeiten - wie Verständnis für andere Kulturen oder Fremdsprachen - sei angesichts der "Wissensexplosion" wesentlich wertvoller als die reine Übermittlung von Wissensstoff. Weiterbildung konzentriere sich oft zu sehr um Probleme zwischen Mensch und Maschine, die in 70 Prozent der Fälle auf Gestaltungsprobleme der Maschinen zurückzuführen seien, beanstandete etwa Felix Rauner, der Leiter der Abteilung Berufspädagogik am Institut für Technik und Bildung der Universität Bremen.

Bei jeder Weiterbildung sei der Erhaltung der menschlichen Kreativität Vorrang einzuräumen. Den vielfach beklagten Fachkräftemangel führt Rauner auch auf falsche Personalpolitik von Unternehmen zurück, die junge Spezialisten zu gut verdienenden Führungskräften machten.

Nicht zeitgemäß

Alte Schultypen, wie etwa das Polytechnikum seien nicht mehr zeitgemäß, eine Mittlere Reife solle in Erwägung gezogen werden und der gesamte Bildungsbereich in einem Cluster an die aktuellen Erfordernisse des Informationszeitalters angepasst werden, räsonnierte Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl am Donnerstag vor Journalisten in Alpbach.

Eine "Veredelung von Humankapital" sei ein wesentlicher Faktor für den Wert eines Standorts und könnte somit im internationalen Standort-Wettbewerb Nachteile etwa steuerlicher Natur ausgleichen, erläuterte Peter Mitterbauer, der Präsident der Industriellenvereinigung (IV).

Mehr Anreize für die Weiterbildung

Er forderte von der Regierung mehr Anreize für die Weiterbildung, besonders in den Betrieben: So soll der Bildungsfreibetrag für Unternehmen von bisher neun auf 20 Prozent erhöht werden, für die Weiterbildung älterer Arbeitnehmer sollte es wie in den Niederlanden einen Freibetrag von 40 Prozent geben. Zudem sollte der Freibetrag auch auf von Unternehmen finanzierte interne Schulungen ausgeweitet werden. Der Anteil der Weiterbildung an den Gesamtausgaben für Bildung müsse bis 2005 von derzeit rund fünf Prozent auf zehn Prozent verdoppelt werden, so Mitterbauer. (zug/APA/DER STANDARD, Print-Ausgabe)

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