Das Ende der größten Baustelle Mitteleuropas

31. August 2001, 11:20
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Wien - Die Gasometer sind vier zylindrische, rund 75 Meter hohe Gebäude aus rotem Ziegelmauerwerk mit einem Außendurchmesser von 64,90 Metern. Das Wiener Riesenrad würde in jedem der Gasometer Platz finden.

Das Areal, auf dem die Gasometer stehen, gehört geologisch zur Simmeringer Haide und wurde seit jeher sehr vielseitig genutzt. Vor rund 200 Jahren richtete man hier neben großflächigen Gemüsegärten einen Schießplatz der Wiener Artilleriedirektion ein, gefolgt von einer Pferderennbahn, die schließlich von einem Flugplatz abgelöst wurde. Durch die Beleuchtung der Wiener Ringstraße verstärkte sich die Nachfrage nach Gas derartig, dass der Bau des damals größten europäischen Gaswerks beschlossen wurde. Der Spatenstich erfolgte im Dezember 1896, die Einweihung fand am 31. Oktober 1899 statt. Bis zu 1.630 Arbeiter befanden sich damals auf dieser Baustelle.

Weithin sichtbare, eindrucksvolle Silhouette

Die Gasometer bilden eine weithin sichtbare, eindrucksvolle Silhouette und repräsentieren die Industriearchitektur der späten Gründerzeit in sehr typischer Weise. Daher wurde der Gebäudekomplex 1981 unter Denkmalschutz gestellt. Im Boden jedes Gasometers befand sich eine 33,6 Meter hohe Stahlglocke, die bis zu 60 Meter Durchmesser und ein Fassungsvermögen von 90.000 Quadratmeter hatte. Durch Verbrennung von Kohle wurde Gas erzeugt. Dieses gelangte über das Gasmessergebäude und die unterirdische Schieberkammer in die Behälterglocke, die in ein mit Wasser gefülltes Bassin getaucht war. Das Gas hatte auf Grund dieser Konstruktion nie Kontakt zur Bausubstanz. 1985/86 wurde das Werk wegen der Einführung des billigeren Erdgases stillgelegt.

Um der drohenden Verödung entgegenzuwirken, richtete die SPÖ 1988 in einem der Gasometer eine große Ausstellung ein, außerdem wurden seit 1993 Rave- und Techno-Clubbings veranstaltet. 1986 dienten die Gasometer sogar als Drehort für den James-Bond-Film "Der Hauch des Todes".

Nach langen Debatten wurde 1996 auf Initiative von Wohnbaustadtrat Werner Faymann (S) ein Bauträgerwettbewerb gestartet. Wohnen, Arbeiten und Freizeit unter einem Dach, so lautete die Vorgabe. Letztendlich kamen prominente Architekten zum Zug: Jean Nouvel, Wilhelm Holzbauer, Coop Himmelb(l)au und Manfred Wehdorn planten die Gasometer um, Rüdiger Lainer schuf das angeschlossene Entertainment-Center.

Mehr als 600 Wohnungen

Der neue Stadtteil besteht aus mehr als 600 Wohnungen, 247 Studentenheimplätzen, einer Veranstaltungshalle für 4.200 Besucher, einem Einkaufszentrum mit 70 Geschäften, einem Vergnügungszentrum, einer Kinderbetreuungsstätte, zahlreichen Büros und einer neuen Heimstätte für das Wiener Stadt- und Landesarchiv. Gekostet hat das Projekt 2,5 Milliarden Schilling, 310 Millionen Schilling zahlte die Stadt Wien an Wohnbauförderung. 11.000 Tonnen Stahl wurden verbaut, das ist eineinhalb Mal soviel, wie für den Eiffelturm benötigt wurden.

1999 war der Spatenstich für das Projekt erfolgt, das in der Rekordzeit von zwei Jahren vollendet wurde. Gemeinsam mit dem Potsdamer Platz in Berlin waren die Gasometer die größte Baustelle Mitteleuropas. Ende 2000 wurde das Gelände durch die U3-Station "Gasometer" der Stadtmitte nähergebracht, im Juli konnten die ersten Mieter ihre Wohnungen beziehen. Mittlerweile leben mehr als 1.000 Menschen in der Gasometer-City, das Durchschnittsalter der Bewohner beträgt 31 Jahre. (APA)

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