Quotenmatch im Kinderzimmer

31. August 2001, 11:29
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Das Fernsehen braucht Kinder: Wie Programmmacher um dieses Zielpublikum buhlen

Wenn das kleine Mädchen vor der Fernsehkiste sitzt, wird gezappt, bis die Finger schmerzen. ORF 1, Kika (Kinderkanal), Super RTL und RTL II. Auch ATV. Am Wochenende Pro Sieben, ZDF und ARD. Nur selten vertieft es sich ins Geschehen und bleibt bei einem Programm sitzen.

Trotz aller Parallelen: Kinder sehen anders fern als Erwachsene. Dieses Mädchen etwa sucht nach Zusammenhängen mit ihrem Alltag, mit ihren Wünschen und Ängsten. Soll heißen: Sie kann nach Vampirfilmen nicht schlafen und erzählt plötzlich beim Radfahren von Zeichentrickfiguren, die eben auch Rad gefahren sind. Psychologen bezeichnen das als durchaus gefährliche Vermischung von Fiction und Realität. Besonders vor Gewaltdarstellungen im TV wird deshalb gebetsmühlenartig gewarnt.

Gewalt ist das liebste Stichwort der öffentlich-rechtlichen Sender: Hier wollen sie sich von den Programmen der Privaten unterscheiden, die wiederum behaupten, einschlägige Szenen auch bei der seriösen Konkurrenz gesehen zu haben. Unterschiede, die manch ein Beobachter nicht mehr sehen kann: Daniela Camhy etwa, Leiterin des Grazer Institutes für Kinderphilosophie, hält die Bilderfolge - ob öffentlich-rechtliches oder privates Fernsehen - für zu hektisch. "Kinder werden nervös und aggressiv." Auch Informationssendungen könnten mit ein wenig gutem Willen "spannend aufbereitet" werden. Paul Löhr, Leiter des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen in München, weiß auch wie. "Interaktion" über das Internet wäre sein Lösungsvorschlag. Sollte funktionieren: In Österreich steigen bereits 60 Prozent der 10- bis 13-Jährigen zumindest gelegentlich ins Web ein.

Bleibt die Frage der Umsetzung: Kinderprogramm-Anbieter, die etwas auf sich halten, sind längst im Netz. Der ORF mit confetti.orf.at. Der aufgeregte Konkurrent Super RTL (www.superrtl.de) bietet Onlinespiele an. Der eher gefühlsbetonte Kinderkanal (www.kika.de) von ARD und ZDF gibt, wie auch der ORF, dem Webauftritt einen öffentlich-rechtlichen Anstrich: Schließlich muss ja Wissen vermittelt werden. Die viel beschworene Konvergenz zwischen TV und Internet ist aber da und dort erst in Ansätzen gegeben: Derweil werden vor allem Fernsehinhalte in komprimierter Form wiedergegeben.

Die Programmmacher konzentrieren sich auf das TV-Angebot und sehen ihre Philosophie ebendort verwirklicht: Andreas Vana, Chef des ORF-Programms Confetti Tivi, schwört, "die Eigenverantwortung" der Buben und Mädchen fördern zu wollen. Nur auf Berieselung zu schalten, sei ohnehin abzulehnen. Doch wird das für die Zukunft reichen? Vana erkennt, "dass die Ansprüche der Kleinen immer größer werden". Um gleich zu ergänzen, dass auch die Preise für Kaufprogramme und Eigenproduktionen nicht gerade stagnieren. Wie der gesamte ORF beklagt auch Vana das im neuen ORF-Gesetz festgeschriebene Verbot von "Kooperationen". Viele Sendungen seien so erst entstanden, auch der Kiddy Contest. Oder Miniversum, eine Dokumentationsreihe mit 16 Folgen jährlich, präsentiert von Schönbrunn-Zoodirektor Helmut Pechlaner und Christina Karnicnik. Ihre Zukunft werde derzeit ORF-intern geprüft. Vana hofft, schließlich gehe es ja auch um die Marktführerschaft (derzeit 35 Prozent Marktanteile, Mo-Fr 11.50-14.50 Uhr, drei bis elf Jahre). Konkurrent Super RTL, im Frühjahr sogar vor ORF 1, liegt hier nicht so weit zurück (23,9 Prozent) wie in anderen Segmenten: Mit dem Samstag-Sonntag-Angebot erreicht ORF 1 41,8 Prozent Marktanteile, Super RTL nur schlappe 6,3 Prozent.

Dessen Geschäftsführer Claude Schmit klingt, wenn er vom Kinderfernsehen spricht, wie ein glücklicher Marketingstratege. Überall verliere die TV-Werbung Prozente, nur sein Sender lege ordentlich zu. Sogar bis zu zehn Prozent. Inhalte? Die hängen für ihn von der Werbung ab: Qualität sei nur so machbar, lässt Schmit verlauten. Siehe "Ravensburger TV": Trickfilme, Serien etc. sind hier mit dem Logo des Buch- und Spielzeugkonzerns versehen.

Kinder sind ein dankbares Publikum. Sie drehen selten ab, bevor Mama und Papa es sagen. Eltern, die ihnen ein eher werbefreies, ruhiges, unaufgeregtes Fernsehen und mehr "TV zum Mitmachen" bieten wollen, haben es aber zurzeit schwer. Ganz verbieten, heißt es in einer jüngst veröffentlichten Untersuchung, ist sinnlos, nicht nur gemein. In dosierter Form schadet das Fernsehen ganz und gar nicht. Kids, für die das TV-Gerät daheim zur Tabuzone erklärt wird, schauen eben bei Oma und Opa.
(Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, Rondo, 31. 8. 2001)

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