Sallmutter: "Das Hauptproblem ist das Haupt-Problem"

31. August 2001, 17:09
6 Postings

Ex-Präsident des Hauptverbands übt zum Abschied harte Kritik

Wien - Handy. Laptop. Zeitungen. Viel mehr liegt nicht mehr am Schreibtisch. So leer wie am letzten Tag von Hans Sallmutters vierjähriger Zeit als Präsident war er nie.

Die Akten und Briefe sind längst weg, zu Hause oder in der Riesenkiste mit der Aufschrift "Datenschutz, Aktenvernichtung". Auch die Vitrine mit Souvenirs, dem Teller von der unabhängigen Gewerkschaft Russlands und anderem Krimskrams, ist schon in der GPA, deren Chef Sallmutter bleibt. Designermöbel oder andere Machtinsignien waren nie da: Mögen andere mit moderner Kunst ihre Weltoffen 3. Spalte heit und Bedeutung zeigen, bei Sallmutter steht nur eine, nun ja, Plastik, Produkt des Hobbys einer Mitarbeiterin.

Anticharme der 70er

Nur eine Reihe Bücher lagert im Wandverbau, der wie das ganze Haus den Anticharme der 70er verströmt: Die Sozialversicherung 1975, 1976 und so weiter, die "Bad Tatzmannsdorf Kur" und Werke, die Sallmutter als "lehrreich für den Nachfolger" befindet. Etwa: "Sozialstaat zur Jahrtausendwende". Autor: Hans Sallmutter.

"Gewisse Wehmut"

Natürlich hätte Sallmutter einfach die letzten Dinge packen und leise den Schlüssel abgeben können. Das hätte aber weder zu ihm noch zu seinem monatelangen Kampf gegen seine Demontage gepasst. Darum legt er sein zerknittertes Gesicht in noch mehr Sorgenfalten, geht mit "einer gewissen Wehmut" zu seiner allerletzten Pressekonferenz als Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger und sagt dort, was er seit Monaten sagt: Dass die schwarz-blaue Regierung Rote und Arbeitnehmervertreter entfernt. Dass er sich immer gegen Ambulanzgebühr und "unsoziale" Belastungen gewehrt habe - "weil ich der Sprecher von acht Millionen Versicherten bin". Seufzer. Trauriger Nachsatz: "Gewesen bin." Zorniger Nachsatz: "Das Hauptproblem ist, wie der Name schon sagt, das Haupt-Problem."

Riess-Passer kritisiert

Sozialminister Herbert Haupt war es nicht, der die Ablöse Sallmutters forcierte. Das war FPÖ-Chefin Susanne Riess-Passer, die im Jänner die Parole ausgab "Leute wie Sallmutter brauchen wir nicht". Monate, Diffamierungen und ein neues Hauptverbandsgesetz später zieht Sallmutter aus. Im Juni hat die Gewerkschaft vollmundig gegen die Umfärbung des Hauptverbandes angeredet, zur Demo aufgerufen. Freitag bleibt sie merkwürdig still.

Der nächste Märtyrer

Und übt auf anderer Ebene Widerstand. Als Sallmutter-Nachfolger nominieren die roten Gewerkschafter Wilhelm Haberzettl. Der als Eisenbahnergewerkschafter wie Sallmutter unter den Unvereinbarkeitsplan fallen - und der nächste Märtyrer werden könnte. Der weniger subtile Protest bleibt Betriebsräten, die Freitag in Eigeninitiative gegen die "Zerschlagung des Sozialstaates" demonstrieren. Sallmutter begrüßt jeden Demonstranten. Verspricht, dass "die Regierung die kritische Stimme Sallmutter nicht loswird". Schaut auf die Uhr, zum x-ten Mal. Seufzt: "Ein paar Stunden noch." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 1./2.9. 2001)

Eva Linsinger
Share if you care.