Der Bluff des Jahres

30. August 2001, 21:14
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Dass auch Hermann Maier Gottes Sohn sein muss, ist das Grunddogma jener Voodoo-Religion, deren tiefe Verwurzelung unter den Skifahrt und Journalismus treibenden Ureinwohnern der Ostalpen auch die katholische Kirche von entschlossenen Bekehrungsversuchen bisher Abstand nehmen ließ. Die vier Evangelisten gemeinsam haben seinerzeit die dramatischen Ereignisse nicht überzeugender zusammenzufassen vermocht, als "NEWS" von dieser Woche, wo es hieß: Von der Katastrophe bis zum Comeback - Hermanns Auferstehung.

Indes, der Götzendienst hat hierzulande viele Gesichter, und nur verworfene Bekenner der Wahrheit wagen ihm gelegentlich entgegenzutreten. Kürzlich riskierte es Erwin Melchart, Kulturkritiker der "Kronen Zeitung", als er vor der Ausstellung "Unsolved Mysteries. Die Welt des Unerklärlichen" im Wiener Schottenstift mit den Worten warnte: Vorsicht: Der Bluff des Jahres!

Melchart erklärte den größten Teil der dort ausgestellten unerklärlichen Objekte überzeugend als einen Schmarren auf der Basis des ganzen UFO-, Atlantis- und Esoterik-Unsinns samt "Däniken-Abteilung", und meinte: Das einzig wirkliche Rätsel in der Ausstellung über "Ungeklärte Rätsel" ist: Wie kommt das sonst so honorige Wiener Naturhistorische Museum dazu, so einem zweifelhaften Sammelsurium einen ganzen Raum mit gutem Material aus seinen eigenen Sammlungen - gleichsam als Entrée - voranzustellen?

Stellte es sich damit doch auf dieselbe Stufe mit dem Leihgeber anderer "Wunder" dieser Ausstellung - dem "Creation Evidence Museum" (Schöpfungs-Beweis-Museum) in Texas. Also aus dem berüchtigten Bibel-Gürtel der USA, wo die radikalsten Fundamentalisten sitzen und bis heute verhindern, dass an vielen Schulen Darwins Evolutions-Theorie auch nur erwähnt wird!

Darauf hin ereignete sich ein bisher unsolved mystery. Die "Krone" fiel ihrem wissenschaftlich argumentierenden Kritiker in den Rücken und brachte vorgestern unter dem Titel Es kann nicht sein, was nicht sein darf! eine sich über zwei Seiten ergießende Gegendarstellung des Ausstellungsmachers, dessen Tonfall charakteristisch für Personen ist, deren Stärke mehr im Geschäfts- und Glaubenseifer als im Drang nach Wissen liegt. Redaktionell eingeleitet wurde das so: Wilde Diskussionen hat der Artikel "Der Bluff des Jahres" ausgelöst. Wir scheuen uns nicht, nun die Reaktion von Klaus Dona zu bringen.

Hut ab vor dem Mut der "Krone", den eigenen Mitarbeiter ohne Not, aber im Namen der Bibel in die Pfanne zu hauen. Den konkreten Einwänden Melcharts weicht Klaus Dona weit aus: Über die schlechte Recherche und falschen Zitate möchte ich mich hier nicht weiter verbreiten, da ich noch immer der Meinung bin, dass Herr Melchart nur der verlängerte Arm der Kritik war. Es gibt leider nach wie vor Interessensgruppierungen, die wollen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf! Namen nennen!

Zu sehen seien archäologische Anomalien aus aller Welt, welche in zahlreichen wissenschaftlichen Fachbereichen für große Turbulenzen sorgen, womit Dona Melchart ungewollt Recht gibt. Wir stellen in der Ausstellung keine wissenschaftlichen Thesen auf, sondern wollen den Besuchern die Möglichkeit geben, sich selbst ein Bild darüber zu machen. Von solcher Toleranz sollten Darwinisten lernen: Wie weit welche Thesen jetzt untermauert werden, oder auch nicht, und welche Interessen welche Institution oder Vereinigung hat oder nicht, war in unseren Überlegungen nicht maßgeblich.

Aber sicher auch nicht ganz unmaßgeblich, bei dieser privat organisierten und finanzierten Groß-Ausstellung, klagt doch Herr Dona: Warum warnt Herr Melchart so eindringlich vor den Creationisten - darf man nicht an die Bibel und Gott glauben? Wo doch so viel noch unerklärlich ist. Wissenschafter sind sich bei der Bedeutung vieler Gegenstände uneins, und bei mehreren steht von den von den Museen gemachten Beschreibungen: ,Indevinible - Unerklärlich!' Mit dieser Wortschöpfung bekennt sich Klaus Dona zu einem sprachlichen Kreationismus, der jedes Wörterbuch darwinistisch erscheinen lässt. Dort findet sich nur die Kreation "indefinable", aber es gibt ja immer Interessensgruppierungen, die wollen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.8.2001)

Von Günter Traxler
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