Das Landkino und daumengroßes Glück

30. August 2001, 20:02
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Ilse Aichinger: Journal des Verschwindens (XLIV)

Schon im November 1975 definiert Peter Handke in einem einzigen Satz und ohne dass von Filmen die Rede wäre, ihre oft überwältigenden Identifikationsmöglichkeiten: "Die Kennmelodie der Warenhausreklame draußen auf der Straße nachsingen, gegen den Willen (ein Komponist von Pausenzeichen werden)." Er ist dem Kino früh genug auf der Spur gewesen, schon dem Landkino, zwei-oder dreimal wöchentlich in Turnsälen. Von dort und seinen frühesten Beobachtungen ist es nicht mehr weit, nicht ganz so weit nach Paris, wo die Kinos schon gegen Mittag öffnen.

Im frühen Oktober 1975 notiert er in Das Gewicht der Welt, das ich, jetzt am Land, in die Hand bekam: "8-mm Film des Mathematikers aus seinem Arbeitsland, dem Senegal: immer nur Leute in Badekleidung, am Wasser, im Wasser - oder der Markt (von Dakar), der so lebendig ist, nicht so steril wie hier, oder Wasservögel, als sei nur Freizeit in diesen Filmreisen und als würde diese Freizeit in Freizeitgebieten ablaufen bis zum Verenden." - So weit Handke - hier nur kurz eine eigene Erinnerung aus dem Senegal: Leopold Sedar Senghor, Lyriker und damals Regent, mit seiner um zwei Köpfe größeren normannischen Frau: und täglich der Dakar Matin, so weltoffen wie Le Monde: 1966.

Und eine ganz andere Erinnerung: Kinokassen im Dorf (Großgmain, wo unsere Kinder zur Volksschule gingen) sind etwas optimistischer: Vorstellungen im vor Hitze knisternden Schulhaus, mit ihren Freunden, die Rettenmoser Barbara oder Fritzi Doller hießen und erstaunlich rasch dazu neigten, die Wünsche ihrer Eltern und Großeltern nicht zu erfüllen und keine der geplanten Karrieren zu machen.

Der Untersberg stand steil und - von dieser Seite her - waldig hinter dem Haus. Im Berg hausten - von Karl dem Großen bis zu sehr viel späteren Politikern - nur Personen, die keinem Kino ihren Platz räumen wollten.

Vielleicht deshalb hielten sich die cineastischen Träume dort in Grenzen und konnten nicht so rasch und unabsehbar ausufern wie meine viel früheren. So griff das Bilderdenken dieser Landkinder zeitweilig - der Gegend gemäß - auf daumengroße Holzzwerge oder die damals möglichen Formen des Glücks zurück, auf die Lisis, Manfreds oder Fritzis, auf Puppenpausen in der Schule oder auf Ministrantendienste, die abrupt endeten.

Auf dem Ortsfriedhof, den schon Thomas Bernhard aus dem zur Lungenheilstätte umfunktionierten Hotel erbittert gemustert hatte, landete nur die 87-jährige Hauseigentümerin, die ich kurz vor ihrem Tod noch zu dem Film Wie in einem Spiegel - eine Vorstellung in Reichenhall - überredet hatte. Sie war nicht überwältigt davon, fand die Fragestellungen Bergmans und das Salzburger Wetter - Regen - als viel zu adäquat. Immerhin aber ließ sie sich noch fast bis zuletzt, bei ihrem "Frühstück" um drei Uhr nachmittags, von alten Filmen oder neueren Todesfällen berichten.

Und selbst bei missglückten Kultfilmen versuche ich bis heute, den jeweils einzigen Satz zu finden, der ihr dazu eingefallen wäre: ihr und dem oft nur bei starkem Föhn klaren Himmel über dem Land Salzburg. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 31.8.2001)

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