Sind wir Lehrer Masochisten? Von Christian Goldstern

30. August 2001, 19:27
22 Postings

Michael Wimmer kritisierte im Standard vom 28. 8. den angekündigten Lehrerprotest als Akt des Selbstmitleids auf Kosten der Schüler. - Ein Leidender erwidert.

Es gibt bekanntlich für Lehrer/innen keine größere Wonne, als Schularbeiten zusammenzustellen, abzuhalten, zu korrigieren und dann mit sadistischem Grinsen wieder unter dem Schülervolk zu verteilen. Und wenn nicht gerade eine Schularbeit stattfindet, ist doch so ein gediegener, trockener Frontalunterricht in schlecht gelüfteten Räumen die nächstbeste Variante. Nichts hingegen hasst die Lehrerin mehr, als mit ihrer Klasse ins Museum oder Theater zu gehen, auf Skikurs oder Sportwoche zu fahren, ein Projekt außerhalb der Schule abzuhalten. Da kann man ja nicht einmal das Klassenbuch ordentlich führen!

Man kann nur hoffen, dass die Mehrheit zumindest der denkenden Menschen dieses Lehrerbild als ironisch erkennt und weiß, dass im Normalfall das Gegenteil wahr ist. Natürlich macht es auch dem Lehrer mehr Spaß, Schüler auf eine Rätselrallye durchs Buchgeschäft zu schicken, als ihnen theoretisch zu erklären, was der Unterschied zwischen "fiction" und "non-fiction" ist.

Klarerweise ist es fruchtbarer, mit Schülern zu einer Podiumsdiskussion zu gehen und das Thema im Anschluss daran aufzuarbeiten, als nur einen Text dazu zu lesen und dann die gähnende Klasse zu fragen, ob jemand etwas dazu sagen möchte.

Dennoch haben zahlreiche AHS - oft nach sehr langen und erbittert geführten Diskussionen - in Dienststellenversammlungen für das kommende Schuljahr "Dienst nach Vorschrift" beschlossen, sich also dazu durchgerungen, genau diese für Schüler/innen wie Lehrer/innen attraktivsten Bestandteile des schulischen Lebens zu streichen.

Zeichen setzen

Das schmerzt - und zwar wahrscheinlich die Lehrerschaft selbst mehr als die Schüler/innen, denn diese werden es, mangels einer Vergleichsmöglichkeit, zwar für fad, aber eben unausweichlich halten, wenn sie Kunstgeschichte anhand eines Bildbandes vorgestellt bekommen, während die Lehrerin wehmütig daran denkt, wie toll doch letztes Jahr der Lehrausgang ins Kunsthistorische Museum war.

Sind wir Lehrer also dumm oder masochistisch, wenn wir Derartiges beschließen? Vielleicht beides, vor allem aber geht es uns darum, ein Zeichen zu setzen, das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Denn auf eines muss schon deutlich hingewiesen werden: Was den Aufwand betrifft, sind die Rätselrallye, der Besuch der Podiumsdiskussion und der Museumsbesuch natürlich ungleich arbeitsintensiver als die (langweilige) Routinestunde im Klassenzimmer. Dennoch wird es von den Eltern (und also von der Gesellschaft) als selbstverständlich angesehen, dass solche Projekte stattfinden.

Als ebenso selbstverständlich gilt die Tatsache, dass Lehrer ihren Arbeitsplatz zur Hälfte selbst finanzieren (knapp die Hälfte der Lehrertätigkeit - Vor- und Nachbereitung, Korrekturen - findet außerhalb der Klasse statt, der in den Schulen zur Verfügung stehende Platz ist vernachlässigbar, ein Arbeitszimmer zu Hause also sehr oft unabdingbar), die Kosten dafür aber nicht einmal von der Steuer absetzen können. Ebenso selbst finanziert werden PC, Fachliteratur und Büromaterial. (Wer kennt einen Lehrer, der seinen Rotstift von der Schule bekommt?) All dies ist seit Jahren bekannt.

Neu ist ab dem kommenden Schuljahr, dass Tätigkeiten wie die des Klassenvorstands, der Schülerberater/in und der Kustoden nicht mehr in die Lehrverpflichtung eingerechnet, sondern mit einer (lächerlich geringen) Zulage abgegolten werden; das heißt nicht nur, dass Klassenvorstände in Hinkunft für fast dasselbe Geld mehr unterrichten müssen, sondern vor allem, dass wesentlich weniger Zeit für die pädagogische Arbeit bleibt.

Der administrative Kram muss ja weiterhin erledigt werden, da gibt es entsprechende Vorschriften, auf der Strecke bleiben Gespräche mit Schülern, Hilfe bei Problemen etc. - also wieder einmal der Teil der Arbeit, der wesentlich erfüllender ist als das durch einen Erlass geregelte Streichen leerer Flächen im Klassenbuch (von links unten nach rechts oben!).

Neu ist übrigens auch, dass künftig eine Supplierstunde pro Woche nicht bezahlt wird, was eine weitere De-facto-Erhöhung der Lehrverpflichtung um eine Stunde bedeutet. Die Häufung all dieser Faktoren ließ uns Lehrern eigentlich gar keine andere Wahl, als diese - meinetwegen - dumme und masochistische Entscheidung für den "Dienst nach Vorschrift" zu treffen.

Ein Akzeptieren dieser neuerlichen Kürzungen im Bildungsbereich (denn darauf läuft die Neuerung letzlich hinaus) wäre wohl mindestens ebenso dumm und masochistisch, langfristig vor allem aber extrem nachteilig für das österreichische Bildungswesen.

*Der Autor ist Lehrer und Personalvertreter an einer Wiener AHS.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. August 2001)

Share if you care.