Ende des Dekonstruierens

30. August 2001, 21:04
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In Salzburg wurde die Ära Ruzicka via "Skizze" eingeläutet

Salzburg - Die Salzburger Festspiele wollen ideologisch einen Schlussstrich unter die Ära Mortier setzen. Man stehe vor einer Zeitenwende, die das Ende der Destruktion markiere, sagte bei der Programmskizzierung der kommenden Jahre der ab Oktober amtierende Intendant Peter Ruzicka gestern, Donnerstag, in Salzburg vor Hunderten Medienleuten und Vertretern des Kulturlebens.

Wobei sich der Rückkehrer zur "Instanz des Werkes" schnell beeilte, das Wort Destruktion durch Dekonstruktion zu ersetzen. In Salzburg soll also ein anderer Wind wehen, der von bekannten Programmschwerpunkten wie einem kompletten Mozart-Zyklus bis 2006, einem Reigen der späten, mythologischen Strauss-Opern und Werken des "ästhetischen Überschusses" wie Turandot, Hoffmanns Erzählungen oder Die Meistersinger ausgehen soll.

Das nach wie vor als größtes und wichtigstes Festival der Welt reklamierte Sommergeschehen an der Salzach wird für viele etwas bieten - auch Raritäten von Zemlinsky, Schreker, Korngold und Wellesz sowie neue Musiktheaterstücke von Henze über Olga Neuwirth bis Helmut Lachenmann und Matthias Pintscher.

Alles, was bisher kompetenzmäßig gesplittet war, wird unmittelbare Chefsache. Auf eiskalt-elegante Weise trennte sich Ruzicka von Zeitfluss. Anstelle dieses lieb gewordenen Avantgardefestes werden die Salzburg-Passagen medienübergreifende Experimente durchführen. Konzertklassiker wie Bruckners Neunte oder Mahlers Zehnte werden unter dem Titel Mythos des Unvollendeten verkauft. Schauspieldirektor Jürgen Flimm konzentriert sich auf den Spielort Landestheater. Turrini, Schnitzler und Mülheimer Jungdramatiker sind dort zu Hause, während auf der Pernerinsel vorläufig Tanztheatergrößen wie Joachim Schlömer, Hans Kresnik und Sascha Waltz einziehen und am Domplatz der an Oberammergau geschulte Christian Stückl zugange sein wird.

Zufrieden mit dem künstlerischen und kommerziellen Ertrag der ablaufenden Saison zeigte sich Präsidentin Helga Rabl-Stadler. 13 Millionen Schilling mehr als budgetiert wurden, wie gemeldet, eingespielt. Allerdings wurde der Betrieb teurer, was den Gewinn wieder schmelzen lässt. Kritische Zukunftsfragen wurden sehr österreichisch mit "Schauen Sie sich das an!" entschärft.
(ag - DER STANDARD, Print, 31.08.2001))

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