"Verhandeln mit Kabul"

30. August 2001, 19:16
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Ungewöhnliche Verteidigung im Kriminalfall Regina-Küchen

Wien/Wiener Neustadt - Manfred Ainedter, einer der profiliertesten Strafverteidiger Österreichs, musste selbst zugeben: "Eine Pressekonferenz zu einem laufenden Verfahren ist ungewöhnlich." Ein Podium mit Anwälten, Betriebsberatern, Universitätsprofessoren und einem englischen Sir bot die schweizerische Finanzierungsgesellschaft Emesco am Donnerstag in Wien auf.

Anlass: Juristisches Nachbeben vom zweiten Konkurs des niederösterreichischen Küchenmöbelherstellers Regina im Jahr 2000. Eine Emesco-Tochterfirma und diverse verbundene Privatpersonen waren nach dem ersten Konkurs 1995 bis 2000 Haupteigner. Emesco-Gründer Lars Stigemar (60) und zwei ehemalige Regina-Manager sitzen seit dreieinhalb Monaten in Wiener Neustadt in Untersuchungshaft. Vorgeworfen wird ihnen Veruntreuung und betrügerische Krida.

"Bei unseren ausländischen Freunden herrscht darüber blankes Entsetzen", so Ainedter in der Sache Stigemar. Zur Bestätigung sagt der ebenfalls als öffentlicher Fürsprecher nach Wien eingeflogene US-Rechtsprofessor Colum Murphy: "Mit dem Staatsanwalt ist es zeitweise wie mit Kabul zu verhandeln." (Staatsanwalt Johann Fuchs konnte aus Urlaubsgründen nicht erreicht werden, Anm.)

Ab- und Zuflüsse

Konkret wird den Verhafteten vorgeworfen, Regina mit Beraterhonoraren finanziell ausgesaugt, aber keine Investitionen getätigt zu haben. Laut Wirtschaftspolizei seien insgesamt 29,7 Mio. S abgeflossen. Der Innsbrucker Unternehmensberater Rudolf Köck wurde beauftragt, dies zu widerlegen. Seine Rechnung: Es seien nur 19,5 Mio. S in die Schweiz gewandert, hingegen 50,4 Mio. S von Emesco an Regina, bewertet nach "international gültigen Beratungshonorarsätzen". Laut Köck seien die Qualitätsprobleme bei Regina durch "mafiose Zustände" unter Mitarbeitern verursacht worden, die sich gegen das Management quergelegt hätten.

Was von Regina-Mitarbeitern heftig bestritten wird. Die Marke - früher "die Königin der Küchen" - gehört mittlerweile der italienischen Snaidero-Gruppe, hat die Produktion in Weikersdorf Mitte 2001 geschlossen und lässt die Küchen im deutschen Waldmünchen bauen. Bei Regina seien schwere Managementfehler - etwa die Zukäufe von maroden Küchenherstellern in Belgien und in Deutschland - passiert, hört man von "Regina neu", die Mitarbeiter hätten früher mit "nicht ausreichenden Instrumenten" arbeiten müssen.

Der Prozesstermin für Stigemar und die anderen Angeklagten Peter B. und Helmut St. steht noch nicht fest, da die Anklage noch nicht rechtskräftig ist. Ainedter, der von der bisher zuständigen Anwältin Krista Köck jetzt zugezogen wurde, rechnet mit mindestens zwei Monaten weiterer Wartezeit. (szem, DER STANDARD, Printausgabe 31.8.2001)

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