Fünf Kinder, Nacht, 50 Autos und ein Messer

31. August 2001, 15:08
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"Blöde" Reifenstecherei in der Leopoldstadt

Wien - "Die haben sich vermutlich nichts dabei gedacht." Karl Heinz Ruiss vom Kommissariat Leopoldstadt hat beinahe Mitleid mit den "blöden, sehr blöden Buben". Beinahe: Schließlich sind aufgestochene Autoreifen kein Kavaliersdelikt. Einer wäre schlimm genug. Aber wenn man innerhalb einer Nacht gleich an 50 Autos mithilfe eines Butterflymessers die eigene Kraft und Männlichkeit demonstriert, kann nicht einmal der nachsichtigste Polizist versuchen, vermittelnd statt anzeigend einzuschreiten.

Blöderweise haben drei 13-Jährige und zwei 14-Jährige in der Nacht zum Donnerstag ihre mitternächtliche Langeweile in der Leopoldstadt just so bekämpft. Sie wurden gesehen. Den Rest erledigt die Polizei: Den "einigermaßen betroffenen" (Ruiss) Eltern wurden die Delinquenten noch in der Nacht übergeben. Gegen die beiden strafmündigen Buben wurde Anzeige erstattet. "Derzeit treffen bei uns laufend Meldungen über beschädigte Wägen ein", erklärte Ruiss Donnerstagmittag: Insgesamt dürften bei rund 50 Autos je ein oder zwei Reifen aufgestochen worden sein. Schaden: bis zu 200.000 Schilling.

Den Autobesitzern wird der durch Versicherungen erstattet. Aber die werden sich wohl im Regressweg an die Eltern wenden: Bei schuldhafter Vernachlässigung der Aufsichtspflicht haften die Eltern.

Obwohl noch geprüft wird, ob die Jugendlichen auch für andere Vandalenakte als Täter infrage kommen, glaubt der Leopoldstädter Polizist nicht an Mehrfachtäter: Andere Reifenstechereien hätten meist "Bestrafungscharakter" für illegal geparkte Wägen.


Max & Moritz

"So etwas beginnt aus Langeweile, passiert aus Blödheit und bekommt rasch eine Dynamik, bei der man nicht mehr aufhören kann", weiß auch Udo Jesionek, Präsident des Wiener Jugendgerichtshofes, "und diese blöden Kerle kapieren meist gar nicht, dass sie nach einer Strafe noch Schadenersatz leisten müssen."

Rund 70 Prozent der etwa 30.000 Anzeigen, die gegen Jugendliche jedes Jahr erstattet werden, laufen demnach unter "Jugendtorheiten, die zu weit gehen", referiert der Jugendstrafrechtler. "Wie bei Max und Moritz: Streiche - aber eigentlich beschreibt jedes Kapitel eine kriminelle Tat." Die (moderne) Liste sei lang "und beginnt bei der Glöckerlpartie. Aber wo ist die Grenze?" Definitiv dort, wo Mercedessterne- und Antennen abgebrochen, Cabriodächer aufgeschlitzt oder Steine auf Schienen gelegt werden, listet Jesionek "typische" Fadessedelikte auf. Meist sei eine bedingte Strafe - wenn möglich der außergerichtliche Tatausgleich - "ein wirksamer Schuss vor den Bug". (rott, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 8. 2001)

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