Liebe und andere Gemeinheiten

30. August 2001, 17:38
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Am 11. September erscheint das lang erwartete, in Eigenregie produzierte neue Studioalbum von Bob Dylan: "Love And Theft"

Mit seiner "Never ending Tour"-Band und Gästen wie dem TexMex-Orgelspieler Augie Meyers beschwört der 60-Jährige in zwölf neuen Songs gut gelaunt und ironisch wie selten zuvor steinalte Mythen des US-Südens. Blues und Rockabilly kommen ebenso zum Einsatz wie feixender Western-Swing. Eine Sternstunde!

Wien - "Well, the future for me is only a thing of the past." Bob Dylan im Song Bye And Bye, 2001. Wir wollen jetzt wieder einmal den Begriff vom "Ende der Geschichte" bemühen. Zumindest im erweiterten Kulturbegriff liegt man damit heutzutage ja nie ganz falsch.

 Wir wollen weiters behaupten, dass diesbezüglich nur eine einzige Gegentaktik existiert. Nämlich jene, dass man mit dem trotzigen Versuch, dem Stillstand mit Variationen des Alten entgegenzuwirken, ganz bewusst und mit offenem Visier den ersten Schritt zum Versagen setzt. Die Möglichkeit des Scheiterns aber, des Weitermachens und Wollens, der abgewohnten Welt trotzdem noch neue Aspekte abzuringen, bietet sich heutzutage als eine der wenigen Möglichkeiten an, der Wiederkehr des Immergleichen dadurch Paroli zu bieten, dass man den Originalitätsgedanken vollständig aufgibt.

 Erst wenn man Kunst nicht länger als Schöpfungsakt begreift, sondern als Nachbesserung alter Gegenentwürfe zur Welt, wird der kreative Akt wieder möglich. Stichwort: Sampling-Kunst. Für Menschen, die offline leben: die Kunst der Collage.

 Wenn es denn tatsächlich so wäre, dass die Menschheit am Anfang des neuen Jahrtausends Geschichte dadurch aufhebt, dass über ihre jederzeitige Abrufmöglichkeit aus dem kollektiven Gedächtnis eine Gleichzeitigkeit entsteht, die alles zulässt, weil sie nur das bereits Bestehende mehr oder weniger neu sichtet, kommen wir zum Angelpunkt unseres heutigen Themas. Dann ist nämlich Bob Dylan, dem großen alten Mann der Popkultur, mit seinem neuen Album Love And Theft tatsächlich wieder einmal ein durch und durch modernes Meisterwerk gelungen.

 Fest verankert im Zeitalter des "Anything goes", das Bob Dylan seit jeher über sein künstlerisches Rollenbild reflektiert und so durchaus distanziert betrachtet, hat sich der US-Künstler mit seinem mittlerweile 43. Album erneut in eine Vergangenheit begeben, die er für sich schon Anfang der 60er-Jahre erfand.

Tweedle Dee . . .

 Gleich zu Beginn, im Opener Tweedle Dee And Tweedle Dum werden die Weichen gestellt in einen mythisch verklärten US-Süden als archaischem Ursprung jeder zeitgenössischen Musik.

 Dorthin, von wo sich einst sowohl arme Schwarze als auch der White Trash aus dem Hause Presley aufgrund der tristen Verhältnisse (Armut, Rassismus . . .) erst in die ländlichen Metropolen und dann nach Norden aufmachten, um, wenn schon nicht ihr Glück, so zumindest Geld fürs Überleben zu machen, zieht es laut Dylan heute als Gegenbewegung gut situierte Pensionisten zurück. Geschichtsverklärung ist Heimatverklärung: "Livin’ in the Land of Nod, trustin’ their fate to the hands of God. They’re goin’ to the country, they’re goin’ to retire, they’re takin’ a streetcar named Desire."

 Dylan, der Heimatlose und fahrende Sänger von eigenen Gnaden, zieht die Rock’n’Roll- Schuhe an. In der zeitgenössischen Dylan-Forschung heißt das: "Der Mann mit der Maske". Er begleitet diese sentimentale Prozession mit einem einst in Memphis von Elvis, Johnny Cash oder Carl Perkins in den Sun-Studios entwickelten Train-Rhythmus und gibt dazu höhnische, aus der Blues- und Rockgeschichte gespeiste Kommentare ab. Zurück in die gute alte Zeit! Die elektrischen Gitarren zischen und schnarren aggressiv: "Well, a childish dream is a deathless need."

 Von der Neusichtung des Blues allerdings, die Dylan im Vorfeld der Veröffentlichung von Love And Theft einmal in Aussicht gestellt hatte, hat sich nur wenig auf das Album gerettet. Er spielt zwar mit klassischen Textmotiven wie jenem von biblisch gedeuteten Überschwemmungen im Mississippi-Delta. Etwa im mit Banjo und Akkordeon schon jetzt ruhigen Gewissens als Klassiker gedeutet werden könnenden Highwater (For Charlie Patton) oder im an Cold Irons Bound von Time Out Of Mind aus 1997 erinnernden Bluesrock-Stampfer Lonesome Day Blues. Im Rahmen seines Beitrags zum Soundtrack zur US-Serie The Sopranos, der Dean-Martin- Coverversion Return To Me, hat Dylan heute aber vor allem seine Liebe zum Swing entdeckt. "Swing" nicht wie in "Jazz", sondern wie im bereits vor dem Zweiten Weltkrieg populären Western-Swing eines Adolph Hofner oder eines Bob Wills und dessen Texas Playboys.

 Im Gegensatz zu dieser nur dank dunkler Kanäle möglichen Album-Besprechung kann man vor der regulären Veröffentlichung am 11. September von Dylans offizieller Homepage diesbezüglich schon den exemplarischen Song Po’ Boy downloaden.

. . . And Tweedle Dum

 Zwei Songs nur belegen auf Love And Theft, dass Dylan sich auch 2001 noch an seinem von Arbeiten wie Oh Mercy oder eben Time Out Of Mind orientierten Songwriting-Stil abmühen will. Sie sind die am wenigsten gelungen Beiträge. Mississippi und die musikalisch wie textlich etwas brustschwache Abschiedsnummer Sugar Baby: "You went years without me, might as well keep goin’ now."

 Ein schlagender Beweis dafür allerdings, dass Dylan, der seit Jahrzehnten bei seinen Livekonzerten alte Gassenhauer oft nur missmutig und schludrig zum Besten gibt, auch heute noch den berühmten Arsch treten kann, findet sich im Beserlschlagzeug- Schlurfer Moonlight: "Well, I’m preaching peace and harmony, the blessings of tranquility. Yet I know when time is right to strike."

 Treffer versenkt!

(DER STANDARD, Print, 31.08.2001)

Von Christian Schachinger
-- Bob Dylan im Web
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