Deutschlands Gesundheitswesen soll reformiert werden

30. August 2001, 14:47
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Nach dem Lipobay-Skandel werden unterschiedliche Modelle diskutiert

Berlin - Arzneimittelpass, elektronisches Rezept oder Chip-Karte: Nach dem Skandal um den Colesterin-Senker Lipobay werden in Deutschland unterschiedliche Verfahren diskutiert, um die Arzneimittelsicherheit für Patienten zu verbessern und mehr Transparenz in die Verschreibungspraxis der Ärzte zu bringen.

Den Krankenkassen und der Bundesärztekammer geht dies nicht weit genug: Sie fordern ein elektronisches Rezept zur schnellen Datenübermittlung zwischen Arzt, Apotheker und Kasse. Unabhängig davon gibt es für Ärzte, Apotheker und Kassen schon heute Möglichkeiten, potentielle Neben- und Wechselwirkungen bei Arzneimitteln zu überprüfen.

Besserer Überblick durch den Arzneimittelpass

Ziel eines obligatorischen ARZNEIMITTELPASSES ist für das Gesundheitsministerium, einen größeren Überblick zu gewinnen, welche Medikamente vom Arzt verordnet und vom Patienten tatsächlich eingenommen werden. Ärzte und Apotheker sollen verpflichtet werden, die Medikamente auf dem Pass zu vermerken. Dritte sollen demnach keinen Zugang zu den Daten bekommen dürfen.

Kritiker wie der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Joachim Jacob, befürchten hingegen einen Missbrauch des elektronischen Passes. Jacob hält allenfalls einen Pass auf freiwilliger Basis für denkbar.

Datengeschützten Gesundheitsserver

Beim ELEKTRONISCHEN REZEPT sollen die Verschreibungen zentral gespeichert und von Ärzten, Apothekern und Krankenkassen abgerufen werden können. Ein entsprechendes Konzept hatten die Spitzenverbände der Krankenkassen, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Dachverband der Apothekerverbände bereits im Juni vorgelegt. Die verordneten oder gekauften Medikamente sollen direkt auf einer Chipkarte beziehungsweise auf einen datengeschützten Gesundheitsserver gespeichert werden.

Der Patient autorisiert per Code den Apotheker zur Einsicht in die Daten. Auch Facharztbesuche und weitere Behandlungen könnten erfasst werden. Für Kassen und Apotheken ist dies nicht zuletzt ein erheblicher Wirtschaftsfaktor: Die herkömmliche Bearbeitung der jährlich rund 600 Millionen Rezepte kostet nach Angaben der Verbände mehrere hundert Millionen Mark, "ohne eine zufriedenstellende Aktualität oder Qualität sicherstellen zu können".

Verschreibungen automatisch auf Neben- und Wechselwirkungen kontrollieren

Bereits heute haben Ärzte und Apotheker die Möglichkeit von RISIKO-CHECKS bei Arneimittelverordnungen. Mit einer speziellen Software können sie Verschreibungen automatisch auf Neben- und Wechselwirkungen kontrollieren. So bietet ein Münchner Unternehmen nach eigenen Angaben eine Software mit rund 6000 Wechselwirkungsbeschreibungen an. Auch Krankenkassen haben grundsätzlich die Möglichkeit für Verordnungs-Checks.

Die Daten über Arzneimittelverordnungen erhalten sie in anonymisierter und verschlüsselter Form. Nach Angaben der AOK können diese Daten mit spezieller Software auf widersprüchliche Verschreibungen hin überprüft und bestimmten Ärztenummern zugeordnet werden. In einem weiteren Schritt kann dann der Arzt informiert werden. Die AOK hat dieses System im Zusammenhang mit Lipobay bereits angewandt. (APA)

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