Cool Town: Das Spiel mit der Lage in historischen Türmen

30. August 2001, 12:56
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Image-Kontraste erhöhen die Aufmerksamkeit des Kunden

Der Besucher bleibt für einen Moment der Schaulust stehen, wenn er aus dem Untergrund der U3 auftaucht: Durch das Metall- und Glasdach der Station hindurch blickt man auf die renovierte Backsteinfassade des Gasometer A, fasziniert vom Kontrast zwischen Alt und Neu. So verheißungsvoll startet der Weg durch G-town, die neue Mall in den Wiener Gasometern.

Sensation ist das Spiel mit der Lage

Während das Geschäftsangebot keine Überraschungen in Inhalt oder Gestaltung bietet, ist die eigentliche Sensation das Spiel mit der Lage in den historischen Türmen: Durch den Image-Kontrast fährt die Aufmerksamkeit der Kunden hoch, verlängert ihre Verweildauer und versetzt sie in einen aufgekratzten, beschwingten Zustand, der letztlich dem Verkauf dienen soll, aber auch so etwas wie ein emotionales Geschenk, ein "emotional value", ist.

Ein Trick

In G-town greift der Trick überall dort, wo man auf dem Weg durch die Mall einen Blick auf die historische Außenwand der Gebäude erhascht: auf den modernen Brücken zwischen den ehemaligen Gasbehältern, unter den gläsernen Kuppeln, die in den Zentren der Gebäude A, B und C einen Knotenpunkt bilden und zugleich den Blick nach oben in den Luftraum über der Mall blicken lassen. Spektakulär aber ist der Image-Kontrast zwischen den Backstein-Fassaden der Gasometer und der bunten Glasfront des Kinocenters. Und da ist natürlich noch der scheinbar geknickte Turm von Coop Himmelb(l)au, der das historische Gemäuer von Gebäude B nicht nur auf der Materialebene, sondern auch durch ein Spiel mit der Täuschung unserer Sinne kontrastiert.

Emotionen im "Urban Entertainment Center"

Während man in den USA oft mühsam mit Storys, Kulissen, künstlichen Gewittern und sprechenden Robotern thematisiert, um Emotionen ins "Urban Entertainment Center" zu bringen, fällt uns in Europa das reizvolle Spiel mit den Kontrasten beinahe in den Schoß. Was vor drei Wochen sogar die New York Times bewogen hat, hymnisch zu berichten: Wien sei derzeit die beste Stadt in Europa, um die neue Art des authentischen Entertainment zu studieren.

Dramaturgischen Voraussetzungen sind gut

Und der kommerzielle Erfolg? Braucht Wien noch ein Shoppingcenter und noch ein Multiplex? Zumindest die dramaturgischen Voraussetzungen sind gut. Denn G-town gehört zu jenen neuen "Third Places", an denen sich die Marketinginteressen der Wirtschaft mit dem Verlangen der Menschen nach halböffentlichen inszenierten Orten treffen. "Third Places" sind nach der gestalteten Wohnung und dem ästhetisch ansprechenden Arbeitsplatz die Treffpunkte, wo sich die Menschen aufladen, die sie als Seelenmassage verwenden, als vitalen Lebensraum in der Stadt. In Österreich sind das Markenerlebnisse wie die Swarovski Kristallwelten in Wattens oder das Filmfestival am Wiener Rathausplatz im Sommer und der Wiener Eistraum und der Adventzauber im Winter. Kein Zufall, dass bei Letzteren auch das Rathaus mit buntem Licht modern kontrastiert wird. Cool Town, das ist vielleicht doch nicht nur die G-town der Gasometer. Cool Town ist vielmehr ein Wien, das in sich noch viel an authentischem Erlebnispotenzial birgt. (Christian Mikunda*, DER STANDARD Print-Ausgabe 30.August 2001)

*Dr. Christian Mikunda entwickelt dramaturgische Konzepte für Malls, Museen, Markenwelten und die Medien. Bücher: "Der verbotene Ort, oder: Die inszenierte Verführung", im Entstehen "Das Third Place-Phänomen, Erlebnismarketing durch inszenierte Orte".

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