"Schließlich sind wir ja die Eigentümer"

30. August 2001, 12:35
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Eine eben eingezogene Familie nach ersten Eindrücken befragt

Der untere Balkon gehört den Kindern. Damit die aber nicht nur das eintönige Visavis vor Augen haben, nämlich unzählige andere Balkone im kreisrunden Gasometer-Gebäudekomplex Guglgasse 12, will sie die Brüstung verkleiden und behübschen. Mit "Natur". Logisch, bei so viel Beton. Die Kinder sollen auch die Illusion vom Garten haben, der weit weg jenseits der Donau liegt. Die grauen Fabriksgelände sind ohnehin in der Nähe.

Martina, gerade in Wiens neue Wohnstadt eingezogen, denkt ein wenig über Verbesserungen nach. Wie das eben so ist, wenn man irgendwo einzieht.

120 Quadratmeter im 9. Stock

120 Quadratmeter im 9. Stock, auf zwei Etagen angelegt, hat sie mit ihrem Mann und den Kindern bezogen. In manchen Räumen riecht es noch so, wie es eben in neuen, frisch ausgemalten Wohnungen riecht. Die Innenarchitektur entspricht wenige Tage nach Einzug logischerweise dem Zufallsprinzip: Was zuerst kommt, liegt unten.

Schaut irgendwie anstrengend aus. Die Klärung der brennenden Frage, wie es einem so geht als Bewohner von Gasometertown, lässt sich also nur schwer von der Überlegung trennen, dass noch immer viel zu tun ist und zuletzt viel zu tun war. Übersiedeln nervt.

Medienhype

Der Medienhype sei schon enorm, sagt sie. Irgendwie schwingt ein bisschen Unverständnis mit, warum wir Journalisten immer so übertreiben müssen. Die Wohnung an sich entspricht wohl den Erwartungen. Der Ausblick ist ja auch nicht schlecht. Im Innenhof unter einer Stahlkuppel ließe sich eine Simmeringer Neuauflage von Alfred Hitchcocks Fenster zum Hof drehen. Und für Freunde des Meisterwerks Vertigo gibt es auch ein nettes Spezialangebot: Eine Leiter führt schwindelfreie Bewohner an die Spitze der nicht mit Glas bedeckten Kuppel, die in diesem abgeschirmten Innenhof wohl alle Wetterkapriolen zulassen wird. "Wollt ihr raufgehen?" Wir lehnen dankend ab. "Nein. Lieber nicht."

Aussicht

Oben, auf der anderen Seite: die Dachterrasse. Für eine derartige Aussicht muss man anderswo zehn Schilling in ein Fernrohr werfen. Unten vor dem Gasometer-Turm: zahlreiche Baustellen mit ameisenähnlichen Arbeitern. Eine Grube, die ihr Ehemann in seinen schönsten Träumen zum Biotop machen würde. Ein Fabrikgebäude, das sich vielleicht als Wirtshaus eignen könnte. "Sie werden hier sicher viel umbauen." Der Blick wirkt hoffnungsvoll. Ärgerlich findet sie nur den monströsen Stahlträger, der direkt auf die Dachterrasse führt. Und fügt scherzhaft hinzu: "Den werden wir wohl nicht entfernen können." Mit einem Sockel auf der Terrasse, der gleichfalls ziemlich störend erscheint, will sie schon gnadenloser verfahren. "Schließlich sind wir ja die Eigentümer der Wohnung."

Shoppingmall

Und was hält sie von dem, was Gasometertown noch zu bieten hat? Unter der Glaskuppel im Hof liegt ja die Shoppingmall, über die man auch in den Wohnungsbereich gelangt. Wie schlau. "Wir werden wohl eher außen rum gehen." Ein Fastfood-Riese, das einzige in diesen Tagen bereits geöffnete Lokal, droht die Kinder anzulocken. (Peter Illetschko, DER STANDARD Print-Ausgabe 30 August 2001)

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