"Die Halbwertszeit des Wissens wird immer kürzer"

29. August 2001, 23:23
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Bildungswissenschafter, Zukunftsforscher, Wirtschaftstreibende, Politiker und das Konzept des lebenslangen Lernens

Alpbach - "Die Halbwertszeit des Wissens wird immer kürzer" - dieser Satz wurde zu Beginn des Wirtschaftsgesprächs am Mittwochnachmittag beim Europäischen Forum Alpbach wiederholt bemüht. Bildungswissenschafter, Zukunftsforscher, Wirtschaftstreibende und Politiker widmen sich noch bis Freitag aktuellen Trends der beruflichen Weiterbildung, dem Konzept des lebenslangen Lernens und anderen Themen der beruflichen Weiterbildung. Einig waren sich die Referenten des ersten Nachmittags darin, dass die Vermittlung von Basisfertigkeiten - wie Verständnis für andere Kulturen oder Fremdsprachen - angesichts der "Wissensexplosion" wesentlich wertvoller sei als die reine Übermittlung von Wissensstoff.

Weg von den "Fachidioten"

Trotz der gigantischen Wissensexplosion sei ein Trend weg von der Spezialisierung zu beobachten, führte der Leiter der Abteilung Berufspädagogik am Institut für Technik und Bildung der Universität Bremen, Felix Rauner, aus. Die Konzentration auf einzelne Allround-Spezialisten habe sich als das überlegenere Modell erwiesen. Wurde früher bei der Reparatur von Autos auf bis zu 40 Spezialisten zurückgegriffen, so nehme heute ein Mechaniker all diese Funktionen war. Die vollständige Servicedokumentation eines Autos habe sich dagegen von wenigen Dutzend auf mittlerweile mehr als 300.000 Seiten potenziert.

"Veredelung von Humankapital"

Weiterbildung konzentriere sich oft zu sehr um Probleme zwischen Mensch und Maschine, die in 70 Prozent der Fälle auf Gestaltungsprobleme der Maschinen zurückzuführen seien, beanstandete Rauner. Bei jeder Weiterbildung sei der Erhaltung der menschlichen Kreativität Vorrang einzuräumen. Den vielfach beklagten Fachkräftemangel führt Rauner auch auf falsche Personalpolitik von Unternehmen zurück, die junge Spezialisten zu gut verdienenden Führungskräften machten. Damit verlören sie in wenigen Jahren den Anschluss an ihre Disziplin und hätten im Fall eines erzwungenen Jobwechsels gegen junge Absolventen keine Chance mehr.

Weiterbildung - aus wirtschaftlicher Sicht eine "Veredelung von Humankapital" - sei ein wesentlicher Faktor für den Wert eines Standorts und könnte somit im internationalen Standort-Wettbewerb Nachteile etwa steuerlicher Natur ausgleichen, sagte der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Peter Mitterbauer. Er forderte von der Regierung mehr Anreize für die Weiterbildung, besonders in den Betrieben: So soll der Bildungsfreibetrag für Unternehmen von bisher neun auf 20 Prozent erhöht werden, für die Weiterbildung älterer Arbeitnehmer sollte es wie in den Niederlanden einen Freibetrag von 40 Prozent geben. Zudem sollte der Freibetrag auch auf von Unternehmen finanzierte interne Schulungen (irrtümlich war in einer früheren Mitteilung von externen Schulungen die Rede) ausgeweitet werden. Der Anteil der Weiterbildung an den Gesamtausgaben für Bildung müsse bis 2005 von derzeit rund fünf Prozent auf zehn Prozent verdoppelt werden, forderte Mitterbauer. (APA)

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