Die Intifada schwappt zu den Nachbarn über

29. August 2001, 19:33
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Die Präsidenten Ägyptens und Jordaniens haben Mühe ihren gemäßigten Kurs umzusetzen

Das beste Stimmungsbarometer ist die Freitagspredigt in den Moscheen. Über Lautsprecher wird sie auch für alle jene hörbar, die nicht zum Beten gehen. Und mit jedem von den Israelis "liquidierten" Palästinenser verschärft sich der Ton. Dass es bei den Worten bleibt, dafür sorgt in Kairo eine starke Polizeipräsenz an den neuralgischen Orten wie etwa bei der Al-Azhar-Moschee in der Altstadt. Die Sicherheitskräfte ersticken Demonstrationen aufgebrachter Menschen bereits im Keim. Dasselbe Ritual wiederholt sich fast jeden Freitag auch in der jordanischen Hauptstadt Amman.

Je mehr die Situation in den Palästinensergebieten außer Kontrolle gerät, desto mehr Mühe haben Ägyptens Präsident Hosni Mubarak und Jordaniens König Abdullah, ihren gemäßigten Kurs umzusetzen - umso mehr, als auch ihre diplomatischen Bemühungen bisher im Sand verlaufen sind, mit denen sie ihre Haltung rechtfertigen könnten. Beide Regierungen verfolgen deshalb eine zunehmend repressive Politik. In Jordanien hat die Arabische Organisation für Menschenrechte im vergangenen Jahr eine Verdoppelung der Verstöße festgestellt, die sie zurückführt auf die "übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen und willkürlichen Verhaftungen von Aktivisten, die gegen Israels Unterdrückung des Palästinenseraufstandes protestieren". In Ägypten wurden kürzlich 85 Islamisten verhaftet, denen man unter anderem vorwirft, sie hätten Geld für die Palästinenser gesammelt.

Grenzen öffnen

In Ägypten gibt es Aufrufe, Freiwilligen zu erlauben, an der Seite der Palästinenser zu kämpfen oder die Grenze für palästinensische Guerillas zu öffnen. Nach dem Einmarsch der israelischen Armee in die autonome palästinensische Stadt Jenin hat die jordanische halboffizielle Tageszeitung al- Doustour die Gültigkeit der Verträge zwischen Israel und den arabischen Staaten in Zweifel gezogen. Wenn sich Israel erlaube, Abkommen mit den Palästinensern einfach zu ignorieren, welchen Wert haben dann die anderen Verträge mit den arabischen Staaten noch?

Ägypten hatte 1979 mit Israel als erstes arabisches Land einen Friedensvertrag geschlossen, Jordanien folgte 1994. Als Reaktion auf den Ausbruch der Intifada im vergangenen Herbst hatte Kairo seinen Botschafter aus Jerusalem abgezogen, Amman nach einem Wechsel seinen neuen Spitzendiplomaten nicht entsandt. Auf Forderungen, sämtliche Kontakte abzubrechen, sind Mubarak und Abdullah bisher nicht eingegangen. Die stärksten Worte hat zuletzt Ägyptens Außenminister Ahmed Maher gebraucht, als er die israelische Regierung eine "Mörderbande" nannte.(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 30.8.2001)

Von Astrid Frefel aus Kairo
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