ÖGB: Ein Vorwahlkampferl - von Samo Kobenter

29. August 2001, 19:23
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Enttäuscht hat Bundeskanzler Wolfgang Schüssel vermutlich nur die Liebhaber des klassischen dramatischen Auftrumpfens, die nach langer Absenz des Helden einen umso heftigeren Auftritt erwarten. Suspense-Schüler eines Alfred Hitchcock wissen dagegen nach der ersten Lektion, dass sich die sorgsam und nachvollziehbar aufgebaute Spannung nicht zum erwarteten Zeitpunkt, sondern möglichst unverhofft entladen soll. Also wird Schüssel noch etwas im Köcher haben.

Denn sein nach monatelangem Schweigen wiedergefundenes erstes politisches Wort war ausgerechnet an die tauben Ohren der Gewerkschaft gerichtet - und zwar so, dass es selbst aufnahmebereiteren Naturen als ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch ostentative Missachtung abgefordert hätte. Denn Schüssels Anregung, der ÖGB brauche seine Mitglieder nicht zu befragen, weil die Regierung ihnen ohnehin die Antworten liefere, kann nicht anders denn als Angebot einer Ausweitung der "Sozialpartnerschaft neu" gewertet werden: Neben den Agenden der Arbeitgeber- will die Regierung auch jene der Arbeitnehmervertreter übernehmen.

Überrascht von Schüssels Ausbruch dürfte jedenfalls VP-Klubchef Andreas Khol worden sein, der dem ÖGB ja großzügig zugestanden hatte, seine Mitglieder zu fragen, was er eben wolle. Wäre es nicht noch so weit zu den nächsten Wahlen, man könnte dem Taktiker Schüssel glatt unterstellen, einen kleinen Vorwahlkampf zu inszenieren - ein "Kampferl", wie in Wien umgängliche, weil erst später die echte Auseinandersetzung auffrischende Dispute genannt werden. So weit konnte der Kanzler den Parteipolitiker in sich offenbar doch nicht zurückhalten, dass sich Letzterer an die Maxime des Ersteren gehalten hätte: nämlich nicht Worte, sondern Taten sprechen zu lassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 30.8.2001)

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