"Versuch, die Lüge aufleben zu lassen"

29. August 2001, 20:13
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Burgers Holocaust-Thesen in Alpbach

Alpbach - Als Martin Walser im Herbst 1998 ein Ende des ständigen Denkens an den Holocaust verlangte, wollte er vor allem und endlich eines sein dürfen: ein normaler Deutscher. Einer, den die Erinnerung nicht dauernd quälen muss. Die Rede das Schriftstellers in der Frankfurter Paulskirche löste damals eine lange Diskussion über den Umgang mit den Nazi-Verbrechen und deren Einzigartigkeit aus.

Was der Wiener Philosoph Rudolf Burger sein will, verriet er beim Europäischen Forum in Alpbach bei einer Podiumsdebatte über Die Rückkehr der Geschichte nicht. Sein "Plädoyer für das Vergessen", demzufolge "die Geschichte nichts lehrt", sondern von späteren Generationen nur ge- und missbraucht wird (aus ideologischen, sozialen oder kommerziellen Motiven), sorgte jedenfalls für einigen Wirbel.

Ganz wie geplant, konnte man meinen: Denn Burger führte dem Publikum die Position eines geschichtspessimistischen Skeptikers vor, der seinen eigenen Thesen freilich distanzlos gegenübersteht.

Erzählungen . . .

Weil es, so der Philosoph, eine objektive Geschichtsdarstellung nicht geben könne, sondern nur "historische Erzählungen", sei auch der Versuch, aus dem Holocaust zu lernen und künftige Verbrechen zu vermeiden, nichts anderes als eine "Konstruktion". Die Geschichte sei nicht mehr als "der Ort der Sinngebung des Sinnlosen", erläuterte er. Sie "rechtfertigt, was man will, sie rechtfertigt alles und beweist nichts".

"Unerträglich" findet Rudolf Burger die Auseindersetzung mit dem Holocaust, wenn sie wie der Film Schindlers Liste des Regisseurs Steven Spielberg "Auschwitz als Jurassic Park mit einem Schuss E.T." präsentiere.

Um zu wissen, dass man niemand umbringen darf, hätte man den Holocaust nicht gebraucht, schloss der Philosoph, um später zu ergänzen, dass dem Balkan viel erspart geblieben wäre, "wenn die Serben 1389 und das Amselfeld endlich vergessen hätten".

Die Publizistin Hella Pick, die in ihrem Buch über das "schuldige Opfer" Österreich ihre Erfahrungen mit dem hierzulande ambivalenten Umgang mit dem Nationalsozialismus beschrieb, erachtete diese Thesen als "Versuch, die große Lüge wieder aufleben zu lassen". Im Gegenteil müsse man sich der Schuldfrage offen stellen, denn "Österreich kann nur dann eine gesunde Gesellschaft sein, wenn es seine Katharsis durchgemacht hat", sagte Pick.

Wie das gehen könnte, das ließen der Diplomat Ernst Sucharipa, Österreichs Verhandler bei den Restitutionsverhandlungen, Hans Winkler, der Leiter des Völkerrechtsbüros im Außenministerium, oder der Leiter der Historikerkommission, Clemens Jabloner, spürbar werden.

Sie berichteten über die wichtigsten Ergebnisse ihrer Arbeit der vergangenen Monate, die Österreichs genutzt hätten. Nicht zuletzt die Beschäftigung mit der Geschichte sei der Grund, warum es weltweit eine Änderung der Politik in Bezug auf den Umgang mit Verstößen gegen die Würde des Menschen gebe.

Burgers Ansichten hingegen, die Formel von "Einmal muss Schluss sein!" (die vom Publikum hörbar stark begrüßt wurde), halte er für "gefährlich", erklärte Sucharipa. Jabloner widersprach Burgers Konstruktivismus, "der nur in die Irrationalität führt", scharf. Teilen könne er lediglich dessen ästhetische Kritik an manchen "leeren Ritualen".

(DER STANDARD, Print, 30.08.2001)

Thomas Mayer

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