Ausländische Kritikerstimmen

29. August 2001, 14:42
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FAZ

"Ich habe die gesamte Ära Mortier verfolgt und finde die Bilanz insgesamt sehr imponierend", meint Gerhard R. Koch, Musikkritiker der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" im Gespräch mit der APA: "Er hat die Salzburger Festspiele in einer gewissen Weise an die fortgeschrittene Ästhetik, wie sie in allen größeren Städten praktiziert wird, angeglichen. Verdienstvoll ist, dass er die Creme der Regisseure des sogenannten Regietheaters zum ersten Mal zu den Festspielen gebracht hat. Das Publikum hat er vielleicht nicht völlig umgekrempelt, aber nicht nur verjüngt, sondern auch verlebendigt und reaktionsfreudiger gemacht. Natürlich muss man ihn auch nicht heilig sprechen, das fände ich völlig verkehrt."

Am heurigen Programm fand Koch die "Hochzeit des Figaro" "szenisch sehr gelungen, Marthaler fand da eine Form von Aktualisierung, die mir sehr eingeleuchtet hat. Musikalisch passte die gewisse Verhuschtheit sehr gut zum Gesamtkonzept." Die "Fledermaus" "war natürlich problematisch, selbst als großer Fan von Neuenfels muss ich sagen, dass da gewaltsam das Stück in die Länge gezogen wurde. Die Idee, die Frosch-Figur so herauszunehmen ist zumindest diskutabel, die Besetzung der Zentralfigur Orlofsky mit diesem Stimmphänomen David Moss hat bei der Morbidezza des Ganzen schon eingeleuchtet. Dass man das österreichische Heiligtum mal ein bisschen fleddert, ist auch einleuchtend. Man muss nicht alles unterschreiben, aber der Aufruhr war völlig unangebracht."

"Süddeutsche Zeitung"

Reinhard J. Brembeck von der "Süddeutschen Zeitung": "Das Festival litt dieses Jahr darunter, dass Mortier aus Geldgründen die beiden modernen Opern nicht machen konnte. Dadurch kam es in zu einer Verschiebung hin zu traditioneller Oper, die der letzten Saison einen etwas altbackener Anstrich gegeben haben", so der Kritiker gegenüber der APA, "Mortier hat sich aber auch in seiner letzten Spielzeit mehr getraut, die 'heilige Kuh' zu schlachten, wie man bei der 'Fledermaus' und dem 'Figaro' gesehen hat. Dass das Publikum vehement reagiert, war vorauszusehen, das wurde von Mortier auch in Kauf genommen. Es war aber kein Skandal um des Skandals willen. Vor allem die Besetzung des Orlofsky mit diesem amerikanischen Extremsänger (David Moss, Anm.) zeigte die Gebrochenheit dieser Rolle sehr gut". Insgesamt habe "Mortier bei den Festspielen einen Aufbruch in die Welt, in der die Klassik nicht mehr so viel bedeutet wie in den 50ern und 60ern, geschafft. Die Reaktionen zeigen, dass es ihm gelungen ist, die klassische Musik als Tagesgespräch aktuell zu halten und andererseits die Salzburger Festspiele weiterzuführen."

"Neue Zürcher Zeitung"

Peter Hagmann von der "Neuen Zürcher Zeitung" zieht gegenüber der APA über die Ära Mortier "eine durchaus positive Bilanz. Mortier hat verkrustete Strukturen aufgebrochen. Er hat, wenn auch nicht in dem Maß, wie er es erhofft hatte, das Publikum verändert, ich denke da vor allem an das Sub-Festival 'Zeitfluss', das mir auch besonders wichtig erscheint. Mortier hat Salzburg wieder zu einem Ort intellektueller Debatten gemacht und dort die interpretierende Inszenierung eingeführt". Jedoch "ist Mortier sein großes Projekt der Uraufführungen misslungen, er hat es zu spät projektiert und dann hat es auch an Geld gefehlt". Die Konflikte zwischen Mortier und der österreichischen Öffentlichkeit sowie der (Wiener) Kritik bezeichnet Hagmann als "Sturm im Wasserglas. Da werden innerösterreichische Animositäten ausgetragen. Die Haltung der Wiener Kritik halte ich für absolut deplorabel". Der diesjährige Aufruhr um die "Fledermaus" "hat eigentlich zu tun mit der Haltung des Publikums. Da geht es viel mehr um eine Interaktion zwischen der Festspielleitung und dem Publikum, nicht so sehr um die Inszenierung selbst".

"Die Zeit"

In der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" nutzte Claus Spahn am 23.8. seinen Salzburg-Bericht für ein Resümee: "Mortier hat er den Salzburger Festspielen doch einen ganz anderen ästhetischen Horizont erschlossen als jenen, den man etwa an der verschnarchten Wiener Staatsoper vor Augen hat. Nahezu alle zentralen Opern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind in den letzten zehn Jahren in Salzburg gespielt worden (...) Diese oft wenig süffigen Werke gegen alle Widerstände durchgesetzt zu haben ist das größte Verdienst der Mortier-Ära und hat weit über Salzburg hinaus gewirkt für eine allmähliche Annäherung an die musikalische Moderne, genauso wie die Konsequenz, mit der Hans Landesmann als Kodirektor für eine Verschränkung von Moderne und Standard-Repertoire in den Konzertprogrammen gesorgt hat. (...) Am Ende zurückblickend, sieht man die Verluste deutlicher, die Halbherzigkeiten und gescheiterten Ambitionen. Mit der Mozart-Regie ist Mortier in Salzburg nie so recht glücklich geworden. Opernuraufführungen waren unter ihm eher rar. (...) Aber vom Ausgangspunkt besehen, nämlich von der Übernahme des bronzeschweren Karajan-Erbes, ist sein Wirken eine Riesentat. Er hat die vermeintlich uneinnehmbare Bastion des repräsentationssüchtigen, konservativen Kunstgeschmacks geschleift und ihr ein neues Fundament und eine neue Perspektive geschaffen." (APA)

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