Bilanz der Kritiker

29. August 2001, 14:43
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Salzburg/Wien - Am Freitag (31.8.) gehen mit den beiden letzten Vorstellungen von "Ariadne auf Naxos" und "Die Fledermaus" sowie mit einem Konzert des Gustav Mahler Jugendorchesters unter Franz Welser-Möst nicht nur die diesjährigen Salzburger Festspiele zu Ende, auch die zehnjährige Intendanz von Gerard Mortier findet an diesem Tag ihren Schlusspunkt. Für viele in- und ausländischen Medien ist dies Anlass, Bilanz zu ziehen. Die APA hat im Folgenden Auszüge aus entsprechenden Resümees zusammengestellt.

"Scharfe Kost für Satte"

Unter dem Titel "Scharfe Kost für Satte" bilanzierte der Kulturchef der "Salzburger Nachrichten", Werner Thuswaldner, am 25.8.: "Es gelang der neuen Leitung, Aufbruchstimmung zu erzeugen, die dazu führte, dass die künstlerische Neuorientierung weitgehend akzeptiert wurde. Auf den Spielplan kamen auch Werke - vor allem aus dem 20. Jahrhundert -, die zuvor noch nicht drauf waren, so dass im Lauf der Jahre eine stattliche Zahl von Ur- und Erstaufführungen zu Stande kam. Und der klassische Kanon wurde auf zeitgemäße Weise interpretiert." - "Was im Bereich der Oper mit viel mehr Getöse vor sich ging, vollzog sich im Konzertbereich, den Hans Landesmann klug gestaltete, stiller, aber mindestens so nachhaltig. Im Schauspielfach hatte Peter Stein wichtige Impulse gegeben, ein neuer attraktiver Spielort, Hallein, kam hinzu und ein enthusiastisches Publikum. Ivan Nagel und Frank Baumbauer setzten die Erfolgsgeschichte des Schauspiels mit Vehemenz und anderen Akzenten fort." Abschließend resümierte Thuswaldner, dass "Mortiers Einsatz gegen die starken Kräfte" nicht hoch genug einzuschätzen wäre, "die Provinzialisierung auf ihre Fahnen geschrieben haben, die sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnen, denen das Künstlerische so gut wie nichts und das Geschäftemachen aber alles bedeutet. Es waren ergiebige, gute zehn Jahre."

Szenisch erneuern

In zwei Teilen (27./28.8.) zog der Musikkritiker Franz Endler im "Kurier" seine Bilanz: "Mortier (...) wollte vor allem szenisch erneuern und interessante Persönlichkeiten zu gemeinsamen Arbeiten motivieren. Über diesen Plänen stand von Anbeginn ein Unstern." Weder Zusammenarbeiten von Harnoncourt und Bondy, noch von Muti und dem "Team Herrmann" oder Barenboim und Chereau wären dauerhaft und/oder erfolgreich gewesen. Endler monierte, "dass die Serie der Uraufführungen auf dem Sektor Oper nahezu endete". Mortier habe es "ausschließlich seinem diskret agierenden Partner Hans Landesmann zu danken, dass er den finanziellen Ruin der Festspiele nicht erreicht hat." (...) Mortier habe "nicht annähernd erreicht, was er angekündigt hat. Die Eintrittspreise sind zu hoch, vor allem das musikalische Niveau entspricht ihnen nur noch selten. Und dass sein Nachfolger jetzt schon entschieden mitteilen muss, er halte viel von Auseinandersetzung, nichts aber von bewusster Provokation, spricht Bände."

Scheitern

"Diesen Sommer kann eigentlich nur Jossi Wielers Sicht der 'Ariadne auf Naxos' als restlos gelungen gelten, voriges Jahr zog Mozarts 'Così fan tutte' allen übrigen Produktionen davon", befand Peter Schneeberger im "profil" (27.8.). "Manche Arbeiten misslangen kapital - etwa Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" (2001) oder Mozarts "Don Giovanni" (1999); zu häufig scheiterte Mortier an Mozart, an Verdi, an Richard Strauss. Doch waren nahezu alle Projekte der Mortier-Ära von dem Wunsch beseelt, die alte Tante Oper mit den neunziger Jahren zu versöhnen. Seine "Zauberflöte" in den Messehallen sollte Mozart für die breite Masse popularisieren, stets auch versuchte der Intendant, Filmregisseure, Architekten oder Maler als Neulinge für das Genre zu gewinnen. Mortier holte die klassische Moderne des 20. Jahrhunderts nach Salzburg und verbannte die Beliebigkeit aus dem Programm - auf die Gefahr hin, mit ambitionierten Prestigeprojekten Schiffbruch zu erleiden."

Leichtsinn

"Die größte Tugend von Gerard Mortier war seine an Demut grenzende Behutsamkeit, mit der er zu Werke ging", schrieb Joachim Riedl im "Format" (27.8.), "Dadurch vermied er die in dieser Situation eigentlich unvermeidlichen Katastrophen und verurteilte seine Kritikermeute dazu, an belanglosen Intonierungsfehlern herumzumäkeln. (...) Der gravierendste Fehler von Mortier war sein an Überheblichkeit grenzender Leichtsinn, sich weitgehend uninformiert über die Ideen- und Gründungsgeschichte der Festspiele an deren Erneuerung herangewagt zu haben. Dadurch wurde er leicht angreifbar, selbst wenn seine konkrete Programmarbeit lediglich Angriffsflächen bot, die an den Haaren herbeigezogen werden mußten. Als er, angestachelt von der merkwürdigen Rüge des Eröffnungsredners Thomas Klestil, diese Bildungslücke zu schließen trachtete, war es bereits zu spät." (APA)

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