Der Konsument der Zukunft ist "Rebell"

30. August 2001, 15:09
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Französische Trendforscherin Rodi sieht Umbruch kommen - "Weniger Ästhetik, mehr Ethik"

München - Konsumenten pfeifen auf Marken, stellen gängige Schönheitsideale in Frage und zeigen Großkonzernen eine lange Nase. Der Käufer der Zukunft ist "Rebell", prophezeit die französische Trendforscherin Nelly Rodi. Die Industrie, ob sie nun Mode, Kosmetik, Autos oder Möbel herstellt, muss sich in "den nächsten fünf bis zehn Jahren" warm anziehen: "Die Zeichen stehen auf 'Krieg'", formuliert Rodi provokant. Das (schon bei der Architektur-Biennale in Venedig 2000 zum Motto erhobene) Schlagwort dazu lautet: "Weniger Ästhetik, mehr Ethik".

Die Lifestyle-Expertin und Inhaberin eines Styling-Büros in Paris sieht mit der Jahrtausendwende das Ende einer "ökonomisch optimistischen Periode" erreicht, die in den Jahren 1998/99 wirtschaftlich und kulturell ihren Höhepunkt hatte. "Damals war alles eher leichtfertig, ein einziges, großes 'Show-off'", so Rodi.

Kaufangeboten den Krieg erklären

Dann kamen die Schwierigkeiten an den Börsen. "Die ganze Welt hat wirtschaftliche Probleme", sagte die Trendforscherin bei einem von Schwarzkopf & Henkel initiierten Vortrag in München. Dazu komme eine "immer gewaltbereitere Umwelt". Das Resultat: "Plötzlich haben wir eine gegenläufige Tendenz zur optimistischen Ökonomie der auslaufenden Neunziger", konstatiert Nelly Rodi. In den nächsten fünf Jahren würden daher "die Konsumenten klassischen Kaufangeboten 'den Krieg erklären'".

Anders als sonst meist bei Rebellionen üblich, kommen diese Strömungen diesmal nicht von Außenseitern des Systems: "In das System integrierte Verbraucher lehnen es von innen her ab und 'leisten Widerstand'", so Rodi. "Wir selbst schaffen diese neue, moderne Welt."

"Subversiver Aktivismus"

Als aktuelle Anzeichen für eine beginnende Boykotthaltung und "subversiven Aktivismus" führt sie etwa Anti-Werbe-Sites im Internet oder Modeströmungen an: "Junge Designer wie die Modeschöpferin und Bildhauerin Lucy Orta verspotten die Couture und die übertriebene Verwendung von Logos." Die "neuen Verhaltensweisen" gegenüber Markt und Marken würden bald "Arroganz, Ungehorsam, Provokation, Surrealismus" lauten.

Eines der dominierenden Themen werde "heroisch" heißen. Die Forscherin spricht von "Bilderstürmerei und zivilem Ungehorsam" und sieht, etwa in der Mode und der dekorativen Kosmetik, "ungewöhnliche Farben" und Asymmetrie das Bild beherrschen: Kleidungsstücke wie "Wikingerrüstungen" oder der Chitinpanzer eines Käfers. Da sind die aktuellen Combat-Hosen und T-Shirts in Tarnfarben offenbar erst zarter Vorgeschmack.

Nelly Rodi weiß, betont sie, wovon sie spricht: "Wir versuchen, mindestens schon zwei Jahre im Voraus zu verstehen, was in den Köpfen der Verbraucher vorgeht." Als Stylistin arbeite sie "jetzt schon an den Trends der Saison 2003/04. (APA)

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