AK schließt Dokumentation

30. August 2001, 10:34
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Soziologen fürchten um "eine der ersten Adressen" für Recherchen

Wien - Die Arbeiterkammer (AK) schließt Ende September ihre sozialwissenschaftliche Dokumentation (Sowidok) "mit großer Wahrscheinlichkeit", wie deren Leiter, Herwig Jobst, auf STANDARD-Anfrage bestätigt. "Von der Dienstleistung her bleibt sie nicht mehr als Papierablagedokumentation bestehen." Zeitungsausschnitte würden nicht mehr gesammelt.

Die öffentliche Sowidok dient besonders Sozialwissenschaftern als wichtige Datenbank. Über drei Millionen Dokumente, Zeitungs-und Zeitschriftenausschnitte decken Bildung, Wirtschaft, Recht, Politik und Soziales ab. Der letzte Punkt umfasst Arbeitsmarktpolitik, Arbeitnehmerschutz, Lohnpolitik, Gleichberechtigung, Familienpolitik, Rassismus, Flüchtlingsfürsorge, Kollektivverträge und Pensionen.

"Eine Leistungsreduktion"

"Die Sowidok ist in Österreich eine der wichtigsten Datenbanken für die Soziologie", sagt Rudolf Richter, Lebensstilforscher und Familiensoziologe an der Universität Wien. Wehmütiger Nachsatz: "Ich habe meinen Studierenden immer wieder empfohlen, dort zu recherchieren - das war eine der ersten Adressen." Ähnlich äußerten sich auch andere Lehrende.

"Für das konkrete Individuum", bestätigt Sowidok-Leiter Jobst, "ist das natürlich eine Leistungsreduktion." Die bisher abgelegten Dokumente sollen aber "in anderer Art" über die AK-Bibliothek weiter zur Verfügung stehen. So werde etwa die - kostspielige - Mikroverfilmung des Zeitungsarchivs, die derzeit bis 1985 vorliegt, "wahrscheinlich weitergeführt".

22 statt 33 Mitarbeiter

Die Entscheidung darüber und über das nächste Budget seien noch nicht gefallen. Hintergrund der Maßnahme ist ein Spar- und Umstrukturierungsprogramm, das bundesweit bis 2004 eine Milliarde Schilling (knapp 73.000 EURO) umschichten soll. Fest steht: Von den in Bibliothek und Sowidok zu Jahresbeginn beschäftigten 33 Mitarbeitern werden künftig nur noch 22 einschlägig gebraucht. Der Rest gehe in Pension oder andere Abteilungen, so Jobst.

Inhaltlich plant der Bibliothekschef, stärker "Originaldokumente" zur Arbeitnehmerbewegung statt Zeitungsausschnitte anzubieten, dazu Datenbankzugang übers Internet. Da gebe es aber "urheberrechtliche Probleme". Über das in seiner Vollständigkeit einmalige, 1867 gegründete Archiv des Neuen Wiener Tagblatts, heute Teil der Sowidok, verhandle man mit der Universität Wien. Bedingung für die Auslagerung sei der allgemeine Zugang, verlautet aus der AK. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.8.2001)

von Roland Schönbauer
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