Ausweitung der Sexzone

29. August 2001, 19:28
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Michel Houellebecqs neuer Roman "Plateforme" löst den üblichen Skandal aus

Paris - In Frankreich leeren sich die Strände, schwellen der Verkehr und die Stärke der Zeitungen an in Paris, die Herbstsaison beginnt. Auch literarisch. Wonnevoll stürzt sich Frankreich auf den allherbstlichen Literaturskandal. Sorgte im vergangenen Jahr Frédéric Beigbeders 99 Francs mit seinen Enthüllungen über die Zynismen der Werbewelt für heiße Debatten und hohe Auflagen, ist es dieses Jahr Beigbeders erklärtes Vorbild selbst, Michel Houellebecq, dessen dritter Roman Plateforme noch vor Erscheinen die Trophäe der ersten Klage errungen hatte.

Verknüpfung von Sexualität und Ökonomie

Und das ging so: Wie schon in seinen früheren Romanen, der Ausweitung der Kampfzone und den Elementarteilchen, widmet sich Houellebecq der Verknüpfung von Sexualität und Ökonomie. Icherzähler Michel, 40-jähriger Buchhalter im Kulturministerium, die blasshäutige, unattraktive Inkarnation der Gegenwart, verprasst sein Erbe, das der Vater, "der alte Depp", hinterlassen hat, in Thailand. Sextourismus ist angesagt und wird detailreich beschrieben.

Ausgiebig zitiert Michel zudem aus der verlogenen Prosa der Reiseführer - bis auf einen, den alternativen Guide du Routard. Der landet in einem thailändischen Mülleimer, werden doch darin die Wonnen des erkauften Sexes als moderne Variante der Sklaverei denunziert: "Humanitäre protestantische Idioten", schimpft Michel zwei, die Figur. Michel eins, ihr Schöpfer, wird prompt geklagt von Guide-Gründer Philippe Gloaguen. "Inakzeptabel" sei die Weise, in der Houellebecq die Reize der Prostitution beschreibe.

Humanitärem Schnappreflex

Jahrzehntelangen Erörterungen über die mögliche Differenz der Meinungen eines Autors und seines als Icherzähler auftretenden Protagonisten zum Trotz reagiert die Öffentlichkeit auf Houellebecqs kalte Lakonie mit humanitärem Schnappreflex. Genussvoll bedient der sich der biografischen Parallelisierung von Protagonist und Schreiber, liefert in Interviews über seine sexuellen Frustrationen ausreichend Material, distanziert sich mitnichten öffentlich vom Standpunkt seines Alter Ego. Das überlässt er seinem Verleger bei Flammarion, der Plateforme als entschiedene Anklage gegen "pornographischen Neokolonialismus" verteidigt.

Die Diskussion jedenfalls hat begonnen

Le Monde bemächtigte sich früh des öffentlichkeitsträchtigen Titels, druckte Teile des Buches vorab und publizierte letztes Wochenende ein mehrseitiges Dossier über das Phänomen Sextourismus. Drei Auflagen des Buches mit insgesamt 130.000 Exemplaren wurden noch vor dessen Erscheinen am vergangenen Freitag gedruckt. Andere Zeitungen streiten über den literarischen Rang von Frankreichs umstrittenstem Autor. Während Liberation, insgesamt wohlwollend, Simplizität von Sprache und Struktur geißelt, empfiehlt der Nouvel Observateur Plateforme entschieden für den angesehenen "Prix Goncourt".

(DER STANDARD, Print, 29.8.2001)

Cornelia Niedermeier

Michel Houellebecq: "Plateforme" - ab April 2002 in Deutsch erhältlich
Das Buch in der Debatte
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