Hans Hurch: Heimisches Kino braucht keine Schutzzone

17. März 2002, 20:48
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Viennale-Direktor Hans Hurch im STANDARD-Interview


Wie bereits letztes Jahr sorgten auch heuer kritische Worte des Viennale-Direktors Hans Hurch gegenüber heimischen Filmen im Vorfeld des Filmfestivals für Diskussionen. Im Interview mit Dominik Kamalzadeh erläutert er seine Motive und übt Kritik an der Gesprächskultur.

STANDARD: Sie wurden wiederholt ob Ihrer Haltung zum österreichischen Film kritisiert. Jüngster Anlass dafür war das Fehlen von Michael Hanekes Die Klavierspielerin bei der kommenden Viennale.

Hans Hurch: Zunächst habe ich überhaupt nichts gegen den österreichischen Film. Wenn man sich das Programm der kommenden Viennale anschaut, dann ist es das umfangreichste und spannendste Programm an österreichischem Film der letzten zehn Jahre – eine Auswahl von Jessica Hausner bis Peter Tscherkassky, von Josef Dabernig bis Martina Kudlácek. Eine Vielfalt, die dagegenspricht, vom "österreichischen Film" zu sprechen. Ich halte das für eine Verallgemeinerung.

Was mich in letzter Zeit jedoch stört, ist, dass eine spezielle Haltung dem österreichischen Film gegenüber eingefordert wird. Es ist, als würde eine Mäusepolizei Ordnungsrufe erteilen. Manchmal grenzt das schon an ein Denkverbot, über bestimmte Dinge zu diskutieren. Es gibt eine Forderung, gegenüber dem österreichischen Film eine Art Schulterschluss zu machen. Das lehne ich ab – man kennt das ja seit den letzten eineinhalb Jahren aus anderen Bereichen.

STANDARD: Worin wäre so ein Schulterschluss begründet?

Hurch: Auf eine seltsame Weise führt die verantwortungslose Politik gegenüber dem österreichischen Film, die finanzielle Aushungerung via Förderungen und ORF in einem Umkehrschluss zu einer Schließung der Reihen, in denen dann nicht mehr kritisch gedacht werden kann. Das ist eine umgekehrte Reaktion auf den Druck, dem der österreichische Film ausgesetzt ist.

STANDARD: Die Kritik hängt sich ja daran auf, dass Sie bereits letztes Jahr zwei österreichische Filme vorab als misslungen bezeichnet haben.

Hurch: Aber wie definiert man denn ein Festival, wenn man das nicht sagen darf. Ein Festival ist ja kein Durchlauferhitzer, sondern etwas, das sich konkret verhält gegenüber den Filmen. Es ist ja nur interessant, wenn man dezidiert Stellung bezieht. Das muss es auch beim österreichischen Film geben, sonst nähme man ihn ja gar nicht ernst.

Man kann Filme ganz bewusst zeigen, um sie zur Diskussion zu stellen: Das hatte ich mit Michael Hanekes Die Klavierspielerin ja auch vor.

STANDARD: Was kritisieren Sie konkret an Hanekes Filmen?

Hurch: Es gibt in seinen Filmen etwas, was mir zutiefst widerstrebt. Ich glaube das besonders gut zu sehen, weil ich selbst ein katholischer Oberministrant war. Es gibt darin eine gepflegte Koketterie mit dem Unglück, ein kaltes, kleinbürgerliches Spiel mit der Verzweiflung. Ich finde, Haneke ist ein Anti-Bresson, obwohl er von sich sagt, dass er Robert Bresson so verwandt ist. Bresson zeigt die Welt jedoch als untröstlich, und Haneke zeigt sie als trostlos. Wenn man es zuspitzen möchte: Das, was Haneke kritisiert, ist dasselbe, was er tut. Das ist ein Kreis. Es gibt diesen berühmten Ausspruch von Brecht: "Ein Peitschenhieb bleibt ein Peitschenhieb, auch wenn er für die richtige Sache geschieht."

Ich habe also ein ästhetisches Problem mit seinen Filmen. Das habe ich auch bei der Pressekonferenz gesagt, aber es wird offenbar schwieriger, darüber zu sprechen. Wobei die Entscheidung Hanekes, den Film der Viennale nicht zu geben, völlig legitim ist. Das ist sein gutes Recht zu sagen, er fühle sich dort nicht gut aufgehoben, obwohl es zugleich auch wehleidig ist.

STANDARD: Es geht also um eine ästhetische Debatte, die politisch ausgetragen wird. Haneke steht für den Erfolg des österreichischen Films, und man darf diesen nicht hinterfragen?

Hurch: Der Erfolg lässt ihn zum Symbol für den österreichischen Film werden. Und macht ihn zum Mittel in der Argumentation. Das soll auch so sein. Zugleich geht es aber auch um die Sache, um eine ästhetisch-politische Diskussion über das Kino, die von Preisen unabhängig ist. Die Auszeichnung ist gut, aber niemand kann sich gezwungen sehen, deswegen auf Kritik zu verzichten. Das ist ja erst der Anfang einer kritischen Diskussion: Was ist an den Filmen österreichisch, mit welchen Kategorien wird hier über das Land gesprochen? Diese Widersprüche müssen verhandelbar sein, auch ohne Offenbarungseid für den österreichischen Film.

STANDARD: Beides muss möglich sein: eine ästhetische Diskussion und eine allgemeine Unterstützung des österreichischen Films.

Hurch: Ja, aber wenn man anfängt, über einen Film zu diskutieren, dann ist es schon eine Kontroverse. Ich nenne einen Film schädlich, wenn ich es so will. Wenn ich keinen lebendigen Diskurs führe, dann brauche ich gar nicht mehr zu diskutieren. Den Aspekt der Kürzungen darf ich jedenfalls nicht dafür verwenden, alle auf den heimischen Film einzuschwören. Der Erfolg einer solchen Taktik wäre kurzfristig. Zusammengehörigkeit ersetzt keinesfalls Kritik.

STANDARD: Wie stellt sich für Sie das Problem der Auswahl österreichischer Filme, zumal keine gezeigt werden, die bereits auf der Diagonale waren?

Hurch: Der Aspekt von Wiederholungen von Diagonale-Filmen wird ja immer als meine Willkür dargestellt. Es ist aber so, dass die Viennale als B-Festival nationale Premieren zeigen soll. Wenn wir das zu stark aufweichen, dann verliert das Festival an Bedeutung. Das ist also Teil der Festivalpolitik.

Bei der Viennale geht es daher mehr um eine bestimmte Haltung. Österreichische Filme treffen auf Filme des Weltkinos. Moscouw, der bereits auf der Diagonale war, habe ich diesmal hineingeschwindelt. Überhaupt hat das, was Navigator, eine kleine, engagierte Filmproduktionsfirma, leistet, für mich mehr mit dem österreichischen Film zu tun. Martina Kudlácek mit In the Mirror of Maya Deren, Johannes Holzhausen mit Auf allen Meeren, Joerg Burger mit Moscouw: Drei der interessantesten heimischen Filme im Programm, die vielleicht das einlösen, was "Filmstandort Österreich" bedeuten kann. Da ist ein Geist und eine Haltung. Da vermag ich mich als Komplize zu sehen.

STANDARD: Wie äußert sich denn überhaupt diese Schnittstelle zwischen der Ästhetik eines Festivaldirektors und den prinzipiellen Erfordernissen eines Festivals?

Hurch: Ein gutes Festival ist zugleich ein Zuschauer und ein Kritiker des Kinos. Dem österreichischen Kino erweist man dann den besten Dienst, wenn man es ernst nimmt und ihm keine Schutzzone einräumt, wenn sich das österreichische Kino mit dem Kino der Welt mischt. Was die Viennale gegenüber der Diagonale leisten kann, ist, das österreichische Kino in einen internationalen Zusammenhang zu stellen.

Grundsätzlich versuche ich Filme zu zeigen, die kein Unglück anrichten: Das klingt altmodisch, aber das Schönste ist ein Kino, das die Zuschauer als freie Menschen behandelt und nicht als – wie man in Frankreich sagt – zahlende Schweine. Ich will überhaupt nicht didaktisch sein, Filme sollen Widersprüche generieren. Das Kino ist – immer wieder – die Entdeckung der Welt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 8. 2001)

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