"Egal, welche Farbe meine Haut hat"

28. August 2001, 17:20
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UNO-Weltkonferenz gegen Rassismus plant weltweite Verurteilung der Diskriminierung

Kapstadt - Der Überfall hat tiefe Spuren hinterlassen auf Wanda Stoffbergs Haut. Auf Brust und Rücken trägt sie Narben, die nur langsam verheilen. Deutlich ist das "K" zu erkennen, das ihr die Täter mit einer Schere in die Haut kratzten, "K" für "Kaffernbraut". Die blonde Südafrikanerin war Ende Juli von zwei Männern angegriffen worden, als sie abends nach Hause kam. Sie hatten ihre Gesichter unter Wollmützen versteckt, trotzdem meint Wanda, die Täter zu kennen.

"Unerwünschte Elemente"

"Es waren Weiße", sagt sie, "sie drohten mir, dass Kaffernmädchen wie ich nichts in dieser Stadt zu suchen haben." Wanda Stoffberg führt in einem Vorort in der Küstenstadt George eine Metzgerei. Ihr Laden läuft gut, sie beschäftigt zwanzig schwarze Angestellte, und zu den Kunden im "Fleisch-Palast" zählen viele Schwarze. Das aber bringt ihre weißen Nachbarn auf die Barrikaden. Sie fühlen sich von "unerwünschten Elementen" gestört.

Wer ihr die Angreifer auf den Hals gehetzt hat, bleibt jedoch bis heute unklar. Der rassistische Überfall beschäftigte über Tage die Öffentlichkeit, bis hin zum Minister für Sicherheit, der der misshandelten Ladenbesitzerin eine ordentliche Untersuchung versprach.

Verbesserung des Verhältnisses

Vorfälle wie dieser sind die Ausnahme und nicht der Alltag in Südafrika. Das jedenfalls behauptet eine Studie, die das Südafrikanische Institut für Rassenbeziehungen rechtzeitig zum Beginn der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus veröffentlichte. Zwei Drittel der 2200 Befragten meinten, dass sich die Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen verbessert haben.

Immerhin finden fast 60 Prozent, dass Rassismus immer noch ein ernstes Problem darstellt, aber nur wenige der Befragten wussten von persönlichen Angriffen oder eigenen unangenehmen Erlebnissen zu berichten. Trotzdem wachsen Unbehagen und gegenseitiges Misstrauen - fast zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie ihren eigenen Landsleuten heute weniger trauen als noch vor ein paar Jahren.

Versuchslabor Südafrika

Südafrika kann heute in vieler Hinsicht als eine Art Versuchslabor für das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Hautfarbe gelten. Konflikte gibt es nicht nur zwischen Schwarzen und Weißen, am Kap leben auch Inder und Farbige, Menschen mit verschiedenen Religionen und kulturellen Vorstellungen. Auch die schwarze Bevölkerung ist nicht homogen, es gibt Animositäten, Überheblichkeiten und Konflikte untereinander.

Durban der richtige Ort

So gesehen ist die südafrikanische Hafenstadt Durban der richtige Ort, um die weltweit existierenden Probleme von Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz zu diskutieren. 14.000 Delegierte aus 194 Ländern kommen zur Antirassismuskonferenz der UNO nach Durban, wo einst Mahatma Gandhi als junger Anwalt den gewaltfreien Widerstand zur Verteidigung der Rechte seiner indischen Landsleute erprobte.

Indiens Kastenwesen steht genauso auf der Tagesordnung wie die Diskriminierung der Roma und Sinti und der Schutz der südafrikanischen Buschmänner. Aber der Streit um die Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus und die Frage von Entschädigungen für Sklavenhandel und Kolonialismus haben der Konferenz längst ihren Stempel aufgedrückt. Und wie bei allen Mammutkonferenzen, wird auch diese Zusammenkunft von etlichen Demonstrationen begleitet.

Gut vorbereitete Polizei

Die südafrikanische Polizei glaubt, auf alles vorbereitet zu sein. Das Tagungszentrum wird für die Dauer der Konferenz vom 31. August bis zum 7. September zum UN-Territorium erklärt, eine abgeschirmte Insel, die nur für akkreditierte Teilnehmer zugänglich sein wird.

Einen Vorgeschmack auf Durban lieferte letzte Woche eine Demonstration in Kapstadt. Bis zu 20.000 Muslime sammelten sich zu einem Protestmarsch gegen Zionismus und für ein freies Palästina, es war die größte Demonstration, die Kapstadt seit der Wende zur Demokratie erlebte.

Südafrika mit gutem Image

Das Land am Kap genießt das Image einer offenen, toleranten Demokratie. Es hat eine der fortschrittlichsten Verfassungen, in der Toleranz und Gleichberechtigung eine wichtige Rolle spielen.

Dennoch wird jedem Konferenz-Teilnehmer auffallen, dass die Folgen der Apartheid noch lange nicht überwunden sind.

Das südafrikanische Fernsehen zeigte diese Woche einen Film über Grundschulen, die von schwarzen und weißen Kindern besucht werden. "Mir ist es egal, welche Farbe meine Haut hat", sagt einer der Buben. Eine Hoffnung für die Zukunft im Versuchslabor Südafrika. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 29.8.2001)

Susanne Bittorf
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