Oberst behauptet: Weißrussische Regierung ließ Gegner ermorden

28. August 2001, 20:33
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"Präsident Lukaschenko (Bild) wusste davon" - Dieser weist Anschuldigungen als "Propaganda" zurück

Berlin - Der frühere Direktor eines weißrussischen Gefängnisses, in dem die Todesstrafe vollstreckt wird, hat seiner Regierung die Ermordung Oppositioneller vorgeworfen. Oberst Oleg Alkajew, Ex-Chef des Zentral-Gefängnisses in Minsk sagte, Präsident Alexander Lukaschenko selbst habe die Ermordung von politischen Gegnern angeordnet und gedeckt.

"Erst dachte ich, Lukaschenko wisse nicht alles und dass er die Ermittlungen beschleunigen würde. Nachdem er aber die Untersuchungen beendet hatte und in die Vertuschung verwickelt war, gelang ich zu der Überzeugung, dass er davon (der Ermordung) wusste", sagte Alkajew in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters.

Oleg Alkajew, der derzeit in Berlin im Exil lebt, hatte von 1996 an als Gefängnisdirektor eine 6PB-9 Pistole mit Schalldämpfer in seiner Obhut, mit der in dieser Zeit 130 zum Tode Verurteilte unangekündigt durch einen Kopfschuss hingerichtet wurden. Dazu habe eine Gruppe von zwölf Wächtern den Häftling in einen speziellen Raum geführt. Ein Wärter habe dann die Pistole gezogen und geschossen, sagte Alkajew. Er selbst habe jedoch nie abgedrückt.

"Trainingszwecke"

1999 sei er von zwei hohen Beamten des weißrussischen Innenministeriums dazu aufgefordert worden, die Waffe zu Trainingszwecken auszuleihen. "Ich dachte, das sei merkwürdig, aber ich führe Befehle aus", sagte Alkajew. Später habe er festgestellt, dass mehrere Oppositionelle, darunter ein früherer Innenminister und ein ehemaliger Chef des Wahlausschusses, an eben jenen Tagen verschwunden seien, an denen er die Waffe ausgeliehen habe.

Als er begonnen habe, eine Verbindung zwischen der ausgeliehenen Waffe und den Verschwundenen zu ziehen, habe er mehrere Vorgesetzte darauf angesprochen. Ihm sei gesagt worden, er solle den Mund halten. Im Sommer diesen Jahres habe er Weißrussland verlassen und sei nach einem Aufenthalt in Russland nach Berlin gekommen.

"Man kann alles fälschen"

Im Juni waren zwei weißrussische Ermittler zu den USA übergelaufen. Nach Angaben des US-State Departments hätten sie in der Folge "detaillierte und glaubwürdige Angaben über eine Todesschwadron des Lukaschenko-Regimes, die für 30 Morde verantwortlich sein soll" gemacht.

Die Weißrussische Regierung nannte Alkajews Ausführungen eine Lüge. Berichte über die Ermordung Oppositioneller seien Provokationen im Vorfeld der Wahl am 9. September. "Alle diese neuen Fakten sind Provokationen, Fälschungen und Täuschungen.

Die Staatsanwaltschaft kann diese Informationen nicht für ihre Untersuchungen nutzen", sagte ein Sprecher. "Wir können Alkajews Aussagen nicht vertrauen. Er hat keine glaubwürdigen Beweise, und im Jahrhundert des technischen Fortschritts kann man alles fälschen."

"Opposition kann nur erzählen, dass sie die Wahlen verlieren wird"

Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko hat neuerliche Mordanschuldigungen als Propaganda vor den am 9. September anstehenden Wahlen zurückgewiesen. "Die Opposition kann nur erzählen, dass sie die Wahlen verlieren wird, und deshalb wird von den Medien mit Dreck geworfen", sagte Lukaschenko am Dienstag im staatlichen Fernsehen. Am Vortag war im russischen Fernsehen eine Videoaufzeichnung ausgestrahlt worden, in der zwei sich als ehemalige weißrussische KGB-Offiziere ausweisende Männer Vorwürfe erhoben hatten, Sondereinheiten hätten 1999 in Weißrussland zwei Oppositionspolitiker ermordet.

Lukaschenko sagte zudem nach einer Meldung der russischen Nachrichtenagentur Interfax, die Leute, die dieses Video gedreht hätten, "sind in den Westen gebracht worden und haben gutes Geld bekommen". Mit solchen Bändern aus dem Westen sollten die Menschen in Weißrussland geblendet werden. Die Männer in dem Video, die sich als Gennadi Ubljanitsa und Andrej Schirnosek ausgaben, erklärten, Sonderkommandos des Innenministeriums hätten (die Oppositionspolitiker) Viktor Gontschar und Juri Krasowski im September 1999 unweit eines Militärstützpunktes bei der Hauptstadt Misk ermordet.

Das Innenministerium in Minsk erklärte, man habe die Anschuldigungen geprüft. "Wir fanden gar nichts. Das ist eine Provokation", erklärte Innenminister Wladimir Naumow. (APA/Reuters)

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