AHS-Reform: Schule des Selbstmitleids? - Von Michael Wimmer

27. August 2001, 20:41
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Vor dem "heißen Herbst" an Österreichs AHS: Wie Lehrer und Lehrerinnen ihre Opferrolle kultivieren - und warum diese Proteststrategie mehr als fragwürdig erscheint.

Sie zahlen viel Geld, opfern einen beträchtlichen Teil ihrer Freizeit - und gerieren sich dann zunächst wie Schüler der Unterstufe, die sofort in die traditionelle Rolle schlüpfen, ein vorgefertigtes Wissenspaket erwarten, dabei unaufmerksam schwätzen, während ihnen die unwiderstehliche Lust auf passive Resistenz förmlich ins Gesicht geschrieben ist: Die Rede ist von der Avantgarde der Lehrerinnen und Lehrer, die sich im Rahmen einer zweijährigen Ausbildung als medienpädagogische Experten qualifizieren und dabei unlängst auch den Autor dieses Beitrags als Vortragenden erdulden mussten.

Hilflose Helfer?

Auf die Frage nach ihren Erwartungen gibt es erst einmal erstaunte Gesichter, gefolgt von langem Schweigen - bis es schließlich aus ihnen herausbricht, das Ressentiment. Und der aufgestaute Ärger macht sich Luft: Wie furchtbar doch die gegenwärtige Situation an der Schule ist, wie schwierig die Schüler sind, wie unzulänglich die zur Verfügung stehenden Lehrbehelfe, wie unbedankt das Wirken der Lehrer/innen bleibt - und jetzt wird ihnen auch noch ein neues Dienstrecht aufoktroyiert!

Und schon sind wir mittendrin im perfekt eingelernten Rollenspiel rund um die "hilflosen Helfer", das jede Kommunikation mit Lehrern fürs Erste darauf reduziert, zu klären, was die Gesellschaft, der Staat - oder wenigstens, wie im konkreten Anlassfall, der Vortragende - an Geld, Material, Geräten und Anerkennung zur Verfügung zu stellen habe, um ihre so verdrießliche Lage zu verbessern.

"Heißer Herbst"

Die Lehrer/innen, vor allem der höheren Schulen, haben einen "heißen Herbst" angekündigt. Sie wollen sich gegen das neue Dienstrecht wehren, mit Mitteln, die sie im Rollenverhalten offenbar reflexhaft internalisiert haben: mit passiver Resistenz in Form von "Dienst nach Vorschrift".

Nun kann und soll das Recht, standespolitische Interessen zu vertreten, in keiner Weise infrage gestellt werden. Sehr wohl aber ist danach zu fragen, welche Mittel geeignet sind, um diese Interessen möglichst ohne Beeinträchtigung derer, für die Schule stattfindet, auch durchzusetzen.

Immerhin macht der Aufruf zur kollektiven Verweigerung vergessen, dass die etwa 125.000 Lehrer/innen die bei weitem bestausgebildete Berufsgruppe in unserem Land darstellt. Qualität aber schafft Erwartung: Lehrer, die mit umfassender sozialer Kompetenz zu kreativer Problemlösung ausgestattet sind, haben eine besondere gesellschaftliche Verantwortung, zumal sie gegenüber den ihnen anvertrauten jungen Menschen auch eine Vorbildfunktion wahrnehmen.

Erstarrtes Denken

Vor diesem Hintergrund ist die angekündigte Strategie "Dienst nach Vorschrift" weniger öffentlichkeitswirksame Darstellung sozialer Intelligenz einer selbstbewussten Berufsgruppe als vielmehr eine selbstbeschädigende Bestätigung des Bildes von der eigenen Hilflosigkeit. Hier wird ein riesiges Wissens- und Kreativpotenzial, das im Prinzip in der Lage wäre, in der vielfältigen Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern unsere Gesellschaft nachhaltig positiv zu beeinflussen und weiterzuentwickeln, einem bürokratisch erstarrten Denken geopfert.

Vielleicht würde es sich in diesem Zusammenhang lohnen, auch einmal den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zu richten, zum Beispiel dorthin, wo Kunst- und Kultureinrichtungen aller Sparten, von Museen, Theatern, Konzertveranstaltern, Festivals bis hin zu regionalen Kulturinitiativen, ihr Angebot zur Zusammenarbeit mit Schulen in letzter Zeit wesentlich verbessert haben. Zumeist Einrichtungen, deren Repräsentanten es nicht um ein paar Hundert Schilling auf oder ab in pragmatisierter Stellung geht, sondern um die Bewältigung von zum Teil überlebensbedrohlichen Kürzungen öffentlicher Mittel in der Größenordnung von 20 bis 30 Prozent.

Nürnberger Trichter

Diese Gruppen können nicht verstehen, warum Kooperationen, die die Attraktivität schulischen Unterrichts wesentlich verbessern, ab sofort nicht mehr als "Unterricht" firmieren dürfen, weil offenbar Schüler/innen noch einmal gewaltsam in die Rolle eines Nürnberger Trichters gepresst werden sollen. Dabei ist das Unverständnis über diese Restauration überkommener Unterrichtskonzepte umso größer, als Solidaritätserklärungen auf Lehrerseite gegenüber den Existenzproblemen gerade neuer und innovativer Kunst- und Kulturinitiativen von Lehrerseite bislang ausgeblieben sind.

Lehrer sein ist eine sehr vielfältige, schwierige und ambitionierte Aufgabe. Und das Berufsbild wandelt sich zurzeit - wie in nahezu allen anderen Berufsgruppen - radikal. Im Zentrum des öffentlichen Interesses sollte demzufolge das aktive Engagement der Lehrer/innen stehen, die auch in schwieriger Zeit ihr bestes für ihre Schüler/innen geben, um die bürokratischen Beharrungskräfte auf beiden Seiten des Konflikts bald vergessen zu machen. Sie sind die Träger einer neuen Lernkultur, die in der Lage ist, die traditionellen Rollenbilder samt überkommener Unterrichtsformen zu überwinden, und die auch eine noch so traditionelle Personal- und Standespolitik auf Dauer nicht wird verhindern können. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 28.8.2001)

Der Autor ist Musikpädagoge und Leiter des Österreichischen Kulturservice (ÖKS) in Wien.
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