Operation "Wesentliche Ernte": Prinzip Hoffnung - Von Gerhard Plott

27. August 2001, 19:32
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Viel schlimmer hätte es nicht anfangen können. Die "Wesentliche Ernte" der Nato in Mazedonien, das Einsammeln der Rebellenwaffen, hatte noch nicht begonnen, da musste die Allianz schon ein erstes Todesopfer aus ihren Reihen bekannt geben: Ein britischer Pionier wurde durch einen Steinwurf getötet. Die alliierten Erntehelfer sind, entgegen allen Abmachungen, in Mazedonien nicht erwünscht.

Binnen dreißig Tagen sollen nun 3300 Waffen der albanischen Rebellen eingesammelt werden, rund 4500 Mann werden dafür eingesetzt. Niemand glaubt ernsthaft, dass die Rebellen damit entwaffnet oder auch nur militärisch geschwächt sind. Die Nato klammert sich an die Hoffnung, dass durch diese mehr oder weniger symbolische Waffenabgabe ein besseres Gesprächsklima zwischen den Konfliktparteien geschaffen wird. Und hoffen wird man ja noch dürfen.

Tatsächlich droht der Nato, dass sie selbst in Mazedonien zur Konfliktpartei wird, dass die slawischen Mazedonier die Soldaten der Allianz als den verlängerten Arm der U¸CK sehen und gegen die Nato vorgehen. Es genügt, die ohnehin brüchige Waffenruhe im Land nur massiv und kontinuierlich genug zu verletzen, um in Brüssel neuen Handlungsdruck zu erzeugen. Werden die Erntehelfer dann unverrichteter Dinge wieder abziehen? Niemand, und am wenigsten die Nato, will am Ende als Verlierer dastehen.

Ohne einen höheren Kräfteeinsatz, eine längere Einsatzdauer und einen entschlossenen Waffengebrauch wird es aber im Extremfall dann kaum noch abgehen, das Risiko des Blutvergießens eingeschlossen - Blutvergießen auf allen Seiten. Genau das fürchten aber die Entscheidungsträger der Allianz wie der Teufel das Weihwasser, und diese Furcht lähmt. In Mazedonien ist das westliche Bündnis, so scheint es, weniger ein Teil der Lösung als ein Teil des Problems. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. August 2001)

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