Aufholprozess der Reformländer noch intakt

27. August 2001, 18:34
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Bankenseminar: Erweiterung hat stärkere Auswirkungen auf Reformländer als auf EU-Raum

Alpbach - Der wirtschaftliche Aufholprozess der Reformländer Mittel- und Osteuropas stand im Mittelpunkt der ersten Arbeitssitzung beim Bankenseminar im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach am Montagnachmittag. Eine der Kernaussagen der ersten Expertenrunde: Bisher seien die Reformländer von der Abschwächung der Konjunktur in den USA und Europa nicht betroffen. Eine länger andauernde Rezession des EU-Raums würde aber das "Klima für eine Erweiterung ganz gewiss beeinträchtigen", sagte Wirtschaftsforscher Peter Havlik vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in Alpbach.

Größere Auswirkungen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines EU-Beitritts werde für die Reformländer jedenfalls größer sein als für den EU-Raum, sagte Peer Grasmann, Sektionsleiter der für Wirtschaft und Finanzen zuständigen Generaldirektion in der Europäischen Kommission in Brüssel. Er bezeichnete das Wachstum der Region als "nicht spektakulär, aber solide". Bei den Beitrittsverhandlungen sieht er grundsätzlich Fortschritte, wenn auch das Ausmaß sehr unterschiedlich sei und gewisse "Stolpersteine" noch nicht ausgeräumt seien.

3,5 Prozent Wachstum

Jüngsten WIIW-Studien zufolge dürfte die Wirtschaftsleistung der am weitesten fortgeschrittenen Reformländer im Durchschnitt heuer und nächstes Jahre um rund 3,5 Prozent wachsen, das wäre nur ein geringfügiger Rückgang gegenüber dem Jahr 2000. Ein stärkerer Rückgang in einzelnen Ländern wie etwa Polen - von 4 auf 2,0 Prozent - sei auf hausgemachte Faktoren wie die Zinspolitik zurückzuführen, sagte Havlik. Die Lohnstückkosten seien mit Ausnahme von Ungarn in praktisch allen Ländern der Region steigend, was eine Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit bedeute.

Kaufkraft hinkt hinterher

Mit Ausnahme Rumäniens konnte die Inflationsrate in den meisten MOEL auf ein einstelliges Niveau zurückgeführt werden. Bei der jahrelang ebenfalls sinkenden Arbeitslosenquote habe sich zuletzt wieder ein steigender Trend bemerkbar gemacht. Was die Kaufkraft betrifft, so müssen sich die Beitrittswerber noch auf einen langen Weg gefasst machen: Selbst im Jahr 2015 werde die Tschechische Republik erst 80 Prozent des EU-Durchschnitts erreicht haben, Ungarn etwa 70 Prozent. Deutlich darunter bleiben voraussichtlich Länder wie Bulgarien, Rumänien, Lettland oder Litauen.

Mögliche Probleme auf dem Weg zur Erweiterung sieht Wirtschaftsprofessor Helmut Wagner von der Fernuniversität Hagen in einem denkbaren Wachstumsrückgang der Kernländer. Eine Wechselkursanbindung finanzschwacher Beitrittsländer an den Euro ohne stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik könnte finanzielle Instabilität zur Folge haben. (APA)

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