"Eine Frau ist geboren, um Schmerz zu erleiden"

27. August 2001, 10:25
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Afrikanische Frauen leiden unter Kluft zwischen Gesetz und Tradition

(Von Antje Passenheim/dpa) Nairobi (dpa) - "Eine Frau ist geboren, um Schmerz zu erleiden", hat Nyamburas Mutter ihrer Tochter gesagt. Als sie ihr mit der Beschneidung ihrer Genitalien den ersten Schmerz zufügte, war die Kenianerin noch nicht mal eine Frau. Ihr erstes sexuelles Erlebnis war wie das vieler Freundinnen ein gewaltsames. Und nachdem der Täter sie dann geheiratet hatte, ließ er sie wenige Jahre später mit drei Kindern sitzen.

Heute ist Nyamburi eine unter Hunderten von Bettlerinnen in der Hauptstadt Nairobi. Mit etwa 40 ist sie eine alte Frau ohne Ausbildung, ohne Besitz - aber mit der Hoffnung, dass es ihren beiden Töchtern besser ergehen wird. "Die Zeiten haben sich zwar geändert, sagt Ruth Kibiti, Frauenforscherin am Institut für Afrikanische Studien der Uni Nairobi. "Doch die ökonomischen Verhältnisse und die Macht der Tradition führen dazu, dass es vielen Frauen in Afrika heute kaum besser geht als vor 100 Jahren."

Kenia, klagt auch Jane Kiragu von der Vereinigung der Kenianischen Juristinnen, sei zwar 1984 der UNO-Konvention gegen die Diskriminierung von Frauen (Cedaw) beigetreten. "Doch Verstöße wie die Zwangsverheiratung von Kindern, Witwenvererbung und die Verweigerung von Besitzrecht sind noch immer weit verbreitet." Jährlich werden auf dem Kontinent rund zwei Millionen Mädchen und Frauen auf grausame Art und Weise ihrer Genitalien beschnitten. Ein Brauch, den UNO-Organisationen längst zu Verletzungen der Menschenrechte erklärt haben.

"Die afrikanische Frau", meint Anthropologin Kibiti, "hängt oft in dem breiten Graben, der zwischen Gesetz und Tradition liegt." Für sie beginnt das Dilemma schon damit, dass Frauen in weiten Teilen Afrikas noch immer als Eigentum des Mannes angesehen werden. "Stirbt ihr Mann, erbt die Frau nichts. Stattdessen wird sie in Teilen Kenias an den ältesten Bruder des Verstorbenen weitervererbt oder muss sich gar einer so genannten Reinigung unterziehen." Ein Fremder, häufig ein geistig Behinderter, wird geholt, um die Witwe durch Sex vom bösen Geist des Verstorbenen zu "reinigen".

Tausende anderer Witwen werden jährlich mit ihren Kindern von ihren Grundstücken vertrieben, weil ihnen nach dem Tod ihres Mannes jegliche Habe abgesprochen wird. "In einem Land, in dem Frauen den Großteil des Landes fruchtbar machen, besitzen sie selber nicht einmal fünf Prozent davon", sagt Juristin Kigaru. Die steigende Armut treffe die Frauen am härtesten. "Immer mehr Frauen werden an den Rand der Existenz getrieben. Jobs werden zu Überlebensstrategien - so wie das illegale Brauen von Bier, das Betteln oder die Prostitution", heißt es im Jahresbericht des UNO-Entwicklungsfonds für Frauen (Unifem). Höhere Bildung bleibt in vielen Regionen Afrikas nach wie vor ein Privileg der Jungen. Allein in Kenia werden täglich 27 Mädchen von der Schulbank gejagt, weil sie schwanger werden. Die Hälfte der Mädchen bekommt ihr erstes Kind, bevor sie 19 wird.

"Das Problem ist, das es nicht nur viel zu wenige weibliche Entscheidungsträger gibt, sondern dass die Tradition viele Bemühungen zunichte macht", sagt Dozentin Kibiti. "Das Recht auf Gleichheit kann in Afrika nicht einfach mit Broschüren und Flugblättern progagiert werden, die 40 Prozent der Frauen auf dem Land nicht lesen können. Bis wir in jedes Dorf vorgedrungen sind, und dort ein Umdenken erreicht haben, liegt noch ein weiter Weg vor uns."

An der historischen Sklavenküste Afrikas blüht Menschenhandel weiter Tausende Afrikaner werden auch im 21. Jahrhundert zu Prostitution und Sklavenarbeit gezwungen (Von Antje Passenheim/dpa) Nairobi (dpa) - "Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen Formen verboten", heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948. Dennoch sind nach Schätzung der Menschenrechtsorganisation "Anti Slavery" derzeit rund 27 Millionen Menschen in den Händen Leibeigener. Auf der UNO-Weltkonferenz gegen Rassismus Ende des Monats im südafrikanischen Durban ist Menschenhandel Topthema.

Händler zwingen Menschen zur Arbeit auf Plantagen, in Fabriken, Haushalten und als Prostituierte. Ironie der Geschichte: An der historischen Sklavenküste Westafrikas hat Menschenhandel auch im 21. Jahrhundert Hochkonjunktur.

"Ich schwöre, meiner Tante 40.000 Dollar (43.898 Euro/604.052 S) zu zahlen und davon nichts der Polizei zu sagen. Wenn ich das nicht halte, hat die Tante das Recht, mich und meine Familie in Nigeria zu töten." Der Arbeitsvertrag einer jungen Nigerianerin war der Polizei in Spanien in die Hände gefallen. Dorthin nämlich war die 20-Jährige mit dem Versprechen gelotst worden, einen Job als Serviererin zu bekommen. Sie unterschrieb und landete auf dem Strich - wie viele vor ihr.

Wurden an der so genannten Sklavenküste Westafrikas von der Voltamündung zum Nigerdelta im 17. Jahrhundert jährlich bis zu 10.000 Sklaven nach Amerika verschifft, werden heute Tausende junger Frauen aus Nigeria, Ghana, Senegal, Kamerun und der Elfenbeinküste nach Europa meist in die Prostitution verkauft. Allein rund 1.130 Mädchen aus Nigeria sollen in den vergangenen zwei Jahren über Kamerun nach Frankreich verschleppt worden sein, hieß es bei der Stiftung gegen Frauenhandel und Kinderarbeit (WOTCLEF) in der Hauptstadt Abuja.

Waren die Sklavenhändler der Geschichte Europäer, Araber und Brasilianer, sitzen die Menschenverkäufer heute vor Ort. Einheimische Schlepper leiten die Mädchen, teils nicht älter als zwölf Jahre alt, auf monatelangen Fußmärschen oder in primitiven Bussen über Marokko nach Südeuropa. "Im Schnitt werden jeden Monat 69 Mädchen auf diesem Weg aus Nigeria verschleppt", sagt die Frau des nigerianischen Vizepräsidenten, Titi Abubakar. Wenn sie dann protestierten, drohten ihre Entführer mitunter mit ihrer Ermordung.

Ähnlich ergeht es Tausenden von Sklaven, die nach Informationen von Menschenrechtsorganisationen jährlich aus den ärmeren afrikanischen Ländern in die reicheren verkauft werden, wo sie vorwiegend auf Kakao- und Kaffeeplantagen arbeiten müssen. Das Kinderhilfswerk UNICEF blickt besorgt auf den zunehmenden Handel von Kindern in dieser Region. In Ländern wie Benin, Mali und Togo verkaufen Eltern ihre Kinder demnach bereits für umgerechnet 15 US-Dollar (16,5 Euro/227 S) an Menschenhändler. Oft handelten sie in dem Glauben, ihr Kind könne sich als Plantagenarbeiter das Geld für seine Schulausbildung verdienen und eines Tages zurückkehren.

Ziel der größten Menschenfracht sind nach Erkenntnissen der Hilfsorganisationen die Kakao- und Kaffeeplantagen der Elfenbeinküste. Nach einem UNICEF-Bericht wurden allein vor zwei Jahren 15.000 Kinder aus Mali dorthin verschleppt, um harte Feldarbeit zu verrichten. "Die Kinder werden auf den Farmen gefangenen gehalten. Sie werden geschlagen und häufig sexuell missbraucht", sagt der Direktor von "Save the Children" in Mali, Salia Kante. "Menschen, die Kakao oder Kaffee trinken, trinken das Blut der Kindersklaven", meint er.

Jüngstes Schlaglicht auf das Elend der Kinder warf das mutmaßliche Sklavenschiff "Etireno" in Benin. Das Schiff, das dem deutschen Bundesligastürmer Jonathan Akpoborie gehört, wurde im April wegen Verdachts auf die Verwicklung in den Handel mit Kindersklaven in Cotonou festgehalten. Behörden hatten die Besatzung beschuldigt, rund 200 Kindersklaven an Bord zu haben. Als das Schiff nach einer zweiwöchigen Irrfahrt auf dem Atlantik in Cotonou eintraf, waren lediglich noch 40 Kinder an Bord. Die Ermittlungen laufen.

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