Presseberichte zu "Essential Harvest"

27. August 2001, 08:51
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Zürich/Frankfurt - Sehr kritisch beurteilen führende europäische Blätter am Montag die Perspektiven des NATO-Einsatzes zum Einsammeln freiwillig abgegebener Waffen der albanischen UCK-Rebellen in Mazedonien.

"Neue Zürcher Zeitung" (NZZ):

"Die NATO-Operation 'Essential Harvest' wird, kaum angelaufen, mit den militärischen Realitäten in Mazedonien konfrontiert, um die sich die politisch Verantwortlichen der NATO-Staaten in ihren öffentlichen Erklärungen bisher wenig gekümmert haben. (...) Sie werden nicht müde zu betonen, dass die NATO kein Mandat habe, die Demilitarisierung der UCK zu erzwingen. Die damit angesprochene Freiwilligkeit der Waffenabgabe wird von der Task-Force nun so interpretiert, dass sie sich auch mit einer Teilentwaffnung zufrieden gibt. (...) Der Streit ist insofern recht konfus, als zumindest in der Öffentlichkeit nur von der Anzahl, kaum aber von der Qualität der Waffen gesprochen wird.

Hinter dem Zahlenstreit verbirgt sich eine tiefer greifende Auseinandersetzung um das Ziel der Operation: Für die NATO geht es dabei um eine 'vertrauensbildende Maßnahme', die den Stabilisierungsprozess befördern soll. Die mazedonische Regierung hofft ihrerseits, dass eine weitgehende Entwaffnung der Guerilla die Voraussetzung dafür schafft, das gesamte Staatsgebiet wieder unter Kontrolle zu bekommen und die Rückkehr der Flüchtlinge zu gewährleisten. Für die UCK schließlich steht naturgemäß nicht die eigene Entwaffnung, sondern die Präsenz einer NATO-Truppe im Vordergrund, die ihr die Regierungstruppen vom Leib hält und ein Machtvakuum schafft, das sie schnell ausfüllen kann."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"So niedlich, wie die NATO ihn darstellt, ist der Streit um die Zahl der Waffen der UCK nicht (...) Die NATO mogelt sich daran vorbei. Es komme nicht darauf an, lautet die Sprachregelung, schon vor dem Beginn der Sammelaktion jedes einzelne Schießeisen exakt erfasst zu haben, sondern den Prozess der Demobilisierung der UCK mit jenem der 'politischen Versöhnung' der beiden Volksgruppen zu verzahnen. Zwar glaubt niemand, dass die albanischen Rebellen ihr komplettes Arsenal abliefern werden. Auch weiß man, dass die UCK sich jederzeit Nachschub besorgen kann. (...) Ohne eine nennenswerte Schwächung der militärischen Schlagkraft der Rebellen ist die Wiederherstellung von Recht und Ordnung in den von der UCK besetzten Gebieten nicht zu erreichen. Wer sorgt dafür, dass die vertriebenen slawischen Mazedonier in ihre Heimatdörfer zurückkehren und dort sicher leben können, wenn die NATO nach dreißig Tagen wieder abgezogen sein wird?

Inzwischen sind auf beiden Seiten Misstrauen, Hass- und Rachegefühle gewachsen. Bis aus einer Art Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Volksgruppen wieder Gleichmut oder gar Vertrauen hervorwächst, werden Jahre vergehen. Ohne eine ernsthafte Entmilitarisierung der albanischen Rebellen, die den Krieg in Mazedonien ohne Not begonnen haben, kann dieser Prozess aber gar nicht erst beginnen. Und seine Erfolgsaussichten sind gering, wenn die Soldaten der westlichen Allianz eilig wieder abziehen, nachdem einige ohnedies schrottreife Waffen vollends verschrottet worden sind." (APA)

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