Dankbarkeit der Lohn

26. August 2001, 21:12
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Ärzte ohne Grenzen vor Ort in Sri Lanka

Wenn ich hier um mich blicke, sehe ich ein Mädchen, das beide Arme verloren hat, weil es eine Handgranate für ein Spielzeug gehalten hat. Ich sehe einen Jungen, der auf dem Schulweg in ein Gefecht geriet und mit einem Bauchschuss ins Spital eingeliefert wurde.

Seit 18 Jahren herrscht hier im Norden Sri Lankas Krieg. Wie meistens ist es auch hier die Zivilbevölkerung, die den höchsten Preis zahlt: eine Jugend ohne Perspektiven und kaum eine Familie, die keine Opfer zu beklagen hat. Außerdem der Zusammenbruch fast aller öffentlichen Systeme wie z. B. des Gesundheitswesens.

Seit vielen Jahren unterstützt "Ärzte ohne Grenzen" in Mallavi unter anderem ein Krankenhaus. Mallavi ist ein kleiner Ort im Norden Sri Lankas. Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres arbeite ich hier in diesem Krankenhaus als Chirurg. Ich arbeite mit einem Anästhesisten, einem Kinderarzt und einem Gynäkologen zusammen - alle Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen".

Wir sind jeweils die einzigen Ärzte auf unseren Stationen. Daher hat unser Tag hier 24 Stunden und die Woche sieben Arbeitstage. Ebenso unbeschränkt wie die Dienstzeit ist der Tätigkeitsbereich hier.

Nachdem ich - abgesehen von Militärchirurgen - der einzig ausgebildete Chirurg im Einzugsbereich von etwa 300.000 Menschen bin, gilt es, alle notwendigen Eingriffe durchzuführen, die etwas mit Chirurgie zu tun haben. Das reicht von Leistenbruchoperationen über die Versorgung von Bärenbissen bis zu unfallchirurgischen Eingriffen und Kaiserschnitten. Und natürlich gilt es leider immer wieder, Schuss-, Splitter- und Minenverletzungen zu behandeln.

Und all das in einem Krankenhaus ohne Fließwasser, mit Strom aus dem Generator nur für den Operationssaal und ohne Röntgengerät. Ein Teil der Patienten liegt auf Bastmatten auf dem Boden, weil es nicht genügend Betten gibt.

Während der Einsatzzeit spielt sich das Leben im Umkreis von 200 Metern ab. Das gesamte Team wohnt direkt neben dem Krankenhaus. Von Zeit zu Zeit rauben einem nicht nur die nächtlichen Notfälle den Schlaf, sondern auch der Lärm der Artillerie an der Front.

Die Wertschätzung, die mir von der Bevölkerung entgegengebracht wird und die über jedes europäische Maß hinausgehende Dankbarkeit der Patienten gleichen diese Erschwernisse aber bei weitem wieder aus. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 8. 2001)

Wenn man Sri Lanka hört, denkt man normalerweise an Traumstrände mit Palmen, an Tempelanlagen und Teeplantagen. Der Vorarlberger Chirurg Martin Möschel sah mehr.

Ärzte ohne Grenzen
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