Essen mit eingebauten Extras

26. August 2001, 21:39
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Rote Kiwis, Hühnereier ohne Cholesterin und Pflanzliches für die Hormon-Harmonie

Wien - Cholesterinfreie Eier, mit Sauerstoff angereichertes Wasser, Milch ohne Laktose, cholesterinsenkende Margarine: Längst hat das so genannte Functional Food in Österreichs Supermarktregalen Einzug gehalten. Bei den Konsumenten stoßen diese Produkte allerdings nicht nur auf Zustimmung.

Die Vorbehalte gegenüber funktionellen Lebensmitteln haben für Ibrahim Elmadfa, den Vorstand des Instituts für Ernährungswissenschaft an der Universität Wien, mehrere Ursachen. Erstens würden Konsumenten nach dem Motto "Was der Bauer nicht kennt . . ." prinzipiell zuerst zu Lebensmitteln greifen, die sie kennen. Zweitens gebe es immer noch den Irrglauben, bei Functional Food (siehe Kasten) handle es sich um Nahrungsmittel mit gentechnisch veränderten Inhaltsstoffen. Außerdem gebe es noch keine "Geschichte der Sicherheit", also keine ausreichend lange Erfahrung über mögliche Nebenwirkungen. Es spreche zwar vieles dafür, dass keine Gesundheitsschäden durch Functional Food hervorgerufen würden, ein Nullrisiko könne aber nicht garantiert werden. Ähnliches sei vor 30 Jahren bei den Bioprodukten der Fall gewesen. Mittlerweile seien die Vorteile aber bekannt und "Bio" würde neben den "herkömmlichen" Produkten respektiert.

Zur Konsumenteninformation werden die wichtigsten Zukunftstrends und Forschungsergebnisse über Nahrung auf dem Welternährungskongress von 27. bis 31. August in Wien dargelegt. Das Programm reicht von der Lebensmittelsicherheit über die Nährstoffversorgung für Schwangere bis zu den Functional-Food-Konzepten großer Lebensmittelkonzerne.

Ständige Suche

"Der Konsument muss ehrlich und emotionsfrei informiert werden. Nur so wird man Verständnis für neue Lebensmittel finden", sagt Elmadfa. Denn auf dem Lebensmittelmarkt der westlichen Industriestaaten sei nicht die Bereitstellung von Nahrung das Hauptproblem - sondern das Gegenteil: Der Markt sei gesättigt mit konventioneller Ernährung, die Nahrungsmittelindustrie ist daher ständig auf der Suche nach neuen, verkaufsträchtigen Produkten.

Das bestätigt auch Andrea Pfeifer, Leiterin des Nestlé-Forschungszentrums in Lausanne: "Functional Food wird bereits morgen die normale Ernährung sein." Die Akzeptanz werde spätestens dann gegeben sein, wenn Produkte auf den Markt gebracht würden, die nachweislich positive Effekte für die Gesundheit der Konsumenten haben. An der Entwicklung solcher Lebensmittel werde systematisch geforscht, man stehe aber erst am Anfang, wie auch bei den Alpbacher Technologiegesprächen deutlich wurde.

Nestlé verfüge über eine Sammlung von über 4000 Bakterienstämmen für Forschungszwecke. "Wir forschen in Richtung Lebensmittel, die das Immunsystem stärken, Entzündungsreaktionen positiv beeinflussen und zu einer gesunden Darmflora beitragen", sagt Pfeifer. Man beginne zu verstehen, wie Nahrung wirkt und dass ein Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Gesundheit besteht.

Bei aller Forschungsarbeit bleibe der Einsatz gentechnisch veränderter Inhaltsstoffe vorerst aber tabu. Die Gentechnologie an sich sei zwar "nichts Schlechtes", so Nestlé-Forschungsleiterin Pfeifer. Sie würde etwa Entwicklungsländern Möglichkeiten eröffnen, die Nahrungsmittelknappheit zu beheben.

Die Konsumenten in den Industriestaaten würden aber derzeit keine gentechnisch veränderten Produkte wollen. Daran kämen auch große Konzerne wie Nestlé nicht vorbei. "Wir werden es nicht alleine schaffen, hier eine Meinungsänderung der Bevölkerung herbeizuführen", sagt Pfeifer. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 8. 2001)

Die Gesundheitswelle schwemmt immer mehr so genannte "funktionelle Lebensmittel", also Nahrungsmittel mit Zusatznutzen, auf den Markt. Gentechnik bleibt hingegen - zumindest vorerst - das große Tabu in der Branche.

Knackige Kiwis in leckerem Rot, Hühnereier ohne Cholesterin und Pflanzliches für einen harmonischen Hormonhaushalt: Die Zukunft der Ernährung hat längst begonnen. Vor allem gesättigte Märkte lechzen nach neuer Nahrung.

Von Robert Zwickelsdorfer
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