Mehr als eine Seifenoper - Von Josef Ertl

26. August 2001, 20:34
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Der reuige Sünder ist zurück, das römische Drama um einen Akt reicher. "Ich liebe sie wie meine Schwester", ließ Erzbischof Emmanuel Milingo seine koreanische Exfrau via TV wissen. Der Vatikan versuchte mit diesem Schritt einen Schlussstrich unter die Affäre zu ziehen. Tagelang sah sich die römisch-katholische Zentrale einem medialen Trommelfeuer durch die Marketingexperten der Moon-Sekte mit Maria Sung als Hauptakteurin ausgesetzt. Nachdem Versuche zu einem Treffen gescheitert waren, entschloss sich der Vatikan, mit dem öffentlichen Auftritt Milingos in die Offensive zu gehen.

Die römisch-katholische Kirche geht aus der Affäre mit einem blauen Auge hervor, einer Affäre, die viel tiefer geht, als das Bild von der Rückkehr des verlorenen Sohnes auf den ersten Blick erkennen lässt. Milingo als verheirateter Moon-Prediger hätte der Kirche in Afrika schweren Schaden zufügen können. Denn viele Priester und selbst Bischöfe kommen mit dem Sexualverbot nicht zurande. Geheime Familien, Missbräuche und Übergriffe gegenüber Nonnen sind keine Seltenheit. Die Frage der Aufhebung des Zölibats stellt sich in Afrika mindestens so stark wie hierzulande.

Die afrikanische Kultur ist naturgemäß eine völlig andere als die lateinisch-westliche. Heiler wie Milingos Vater haben dort Tradition. Der massenhafte Zulauf, den Milingo mit seinen Exorzismusmessen auch in Europa erfuhr, signalisiert, dass Bedarf auch nach dieser Art von Spiritualität besteht.

Die römisch-katholische Kirchenführung reagierte auf alles mit Ablehnung. Das drängt Charismatiker wie Milingo hinaus. Der Vatikan setzt auf Zentralismus. Doch der nächste Pontifex maximus wird die Frage der Dezentralisation und der Inkulturation neu beantworten müssen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.8.2001)

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