Bruchpiloten - Von Michael Fleischhacker

26. August 2001, 20:37
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Hermann Maier muss vielleicht seine Karriere beenden. Fritz Verzetnitsch auch.

An diesem Wochenende sind zwei Menschen aus dem Tiefschlaf erwacht. Der eine nach einer Operation, der andere nach dem Urlaub. Ihre mit Spannung erwarteten Wortmeldungen werden mit einiger Sicherheit das Mediengeschehen der kommenden Woche bestimmen: Hermann Maier und Fritz Verzetnitsch.

Wenngleich die beiden Herren auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben - von einem Engagement Hermann Maiers in der Olympiasiegergewerkschaft ist ebenso wenig bekannt wie von Siegeswillensexzessen des ÖGB-Präsidenten -, so teilen sie doch ein Schicksal: Nach einem schweren Unfall ist ungewiss, ob sie ihre Karriere werden fortsetzen können.

Der Hergang ist in beiden Fällen einigermaßen geklärt: Maier wurde von einem links abbiegenden Autofahrer zu Fall gebracht, Verzetnitschs ÖGB fuhr ohne Lenker auf den Dienstwagen einiger Postgewerkschafter auf, deren Gier und Dummheit den Solidaritätsreifen zum Platzen gebracht hatte.

Ungeklärt hingegen ist in beiden Fällen die Schuldfrage. Im Fall Maier weiß man noch nicht, ob ein 73-jähriger Pensionist beim Linksabbiegen gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen hat (Josef Broukal widmete sich dieser "besonders tragischen" Frage in der ZiB 1 mit einer Begeisterung, die zunächst vermuten ließ, die ORF-Teufelsreporter stünden knapp vor der Entdeckung der altersbedingten Linksabbieger-Genmutation); im Fall Verzetnitsch bestehen noch Zweifel, ob der Reifenplatzer, den die Postgewerkschafter verursacht haben, auf menschliches Versagen, auf Fabrikations- oder Systemfehler zurückzuführen ist.

Auffallende Ähnlichkeiten zeigen sich auch in der medialen Behandlung der beiden Unfallkatastrophen: Vor allem die elektronischen Medien funktionieren heute als Reflexmaschine, in der Geschwindigkeit alles und Reflexion nichts ist. Wo authentische Information aufgrund der Abwesenheit der Informationsträger (der eine im Operationssaal, der andere im Urlaub) nicht möglich ist, wird die Realitätsmaschine angeworfen. Das bissl Authentizität, das sie brauchen, machen sich die Fernsehleute auch noch selber.

Und so wird jeder Feuerwehrmann, Nachbar, Passant oder Gendarm interviewt, und sei es, um dem staunenden Publikum mit der in solchen Fällen angemessenen Aufgeregtheit mitzuteilen, dass es sich bei dem Verletzten, der da schreiend im Straßengraben lag, tatsächlich um Hermann Maier gehandelt habe.

Auch die politische "Information" funktioniert inzwischen nach diesem Muster: Wenn die Versorgung mit erläuternder Information zu schwierig oder auch nur zu mühsam ist, werden dem Publikum die unsäglichen Tiraden eines Peter Westenthaler und das hilflose Gestammel der Gewerkschaftsvizepräsidentin Renate Csörgits ins Wohnzimmer serviert.

Objektivität ist in solchen Fällen nichts anderes als die gleichmäßige Verteilung der Ignoranz: Westenthaler wird die Frage erspart, wie denn die supersauberen und blitzanständigen FPÖ-Spitzenpolitiker es schaffen, aus 200.000 Schilling brutto 66.000 Schilling netto zu machen. Dafür muss auch Frau Csörgits nicht erklären, warum ihr von den 102.000 Schilling, die sie als Nationalratsabgeordnete verdient, kaum mehr als 20.000 Schilling netto bleiben. Dabei wäre der Verbleib der FPÖ-Sozialfonds-Millionen ein ähnlich hübsches Skandalthema wie die 80 Prozent Steuerquote, mit der eine nichts ahnende Nationalratsabgeordnete an den Rand des Ruins gedrängt wird.

Eine seriöse Prognose - kann Hermann Maier jemals wieder ein Weltcuprennen bestreiten/gewinnen, wird Fritz Verzetnitsch das ÖGB-Fuhrwerk wieder flott kriegen? - erweist sich bei beiden Bruchpiloten als riskantes Unterfangen. Was sich sagen lässt, ist, dass nach den Erfahrungen der letzten Jahre das Vertrauen in die Fähigkeiten der Unfallchirurgie angebracht erscheint, die Hoffnung auf die Selbstheilungskräfte des gewerkschaftlichen Organismus eher nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.8.2001)

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