Produktives Missverständnis: "Ornament und Abstraktion"

26. August 2001, 21:12
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In einer breit gefächerten Schau der Fondation Beyeler findet Markus Brüderlin eine Erklärung für die abstrakte Kunst.

Riehen/Basel - In der Ornamentik gibt es eine Faustregel, von deren Gültigkeit man so überzeugt ist, dass sie nach ihrem Erfinder "Nordenfalksches Gesetz" heißt. Sie besagt, dass Ornamente umso figürlicher sind, je mehr sie in den Raum ausschwingen, und umgekehrt umso abstrakter daherkommen, je stärker sie der Fläche verhaftet sind.

Ornament und Abstraktion ist eine Schau von wahrhaft prunkvoller Exponatenfülle betitelt, die Markus Brüderlin der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel verschrieben hat, jener Institution privater Provenienz, der er seit 1997 als künstlerischer Leiter vorsteht. Wenn man der Veranstaltung böse wollte, könnte man sagen, dass sie für genau eine Hälfte von Carl Nordenfalks Axiom die Belege beibringt. Jedenfalls geht es abstrakt zu, es geht ornamental zu, und es geht flach zu. Es geht also malerisch zu.

Schon als Bundeskurator und Betreiber des Kunstraums Wien pflegte Brüderlin ein enges Verhältnis zu Bildern, auf denen nichts drauf war als monochrome Flächen, klare Kontraste, Hell-Dunkel-Rapporte, Schichtungen, Konturierungen und Wiederholungen. Nun wird dieses Faible für das ornamentale Prinzip mit Beispielen aus diversen Epochen und Kulturen vorgeführt und wird malerische Abstraktion hin zu ihren Anfängen bei Wassily Kandinsky, Piet Mondrian oder Frantisek Kupka zurückverfolgt.

Theorie-Installation

Im Kunstraum Wien wurde einst eine Ausstellung gegeben, die sich "Theorie-Installation" nannte, und genau dies ist jetzt auch in der Fondation Beyeler zu bewundern. Die Präsentation ist die Mise-en-scène von Brüderlins Doktorarbeit. In zehn Räumen finden sich ebenso viele Thesen vertreten, gewaltig untermauert von der schieren Präsenz dessen, was es zu sehen gibt.

Die Wiener Secessionisten und ihr heiliger Frühling der Reinheit werden ausgiebig vorgestellt, unter anderem mit einer sehr originalgetreuen Kopie des Beethoven-Frieses. München und sein Blauer Reiter passieren eine nicht minder exklusive Revue. Zum Schluss warten dann wieder Zeitgenossen, darunter Peter Kogler und Walter Obholzer.

Dazwischen schieben sich Kojen, die ein maurisches Wandstück auf eine Kalligraphie von Paul Klee beziehen oder einen Teppich von den Fidschi-Inseln auf ein Farbfeld von Max Bill. All das sieht einander in der Tat ziemlich gleich: Brüderlins Präsentation will unermüdlich zeigen, dass hinter der Ähnlichkeit so etwas wie Kausalität steckt. Die Chancengleichheit, die das Motto Ornament und Abstraktion vorzugeben scheint, ist jedoch eine Chimäre.

Seit es sie gibt, hat die Moderne das Ornament im Grunde gerade in Abrede gestellt, es als Signatur eines "Stils" mit Eigentlichkeit aufgeladen. Die Unschuld des Prinzips Muster auf Grund ging von vornherein verloren, wenn es gleich beispielhaft für eine Epoche gehalten wurde oder, schon am Anfang, bei den Romantikern für nicht weniger als die Einheit der Künste hergenommen wurde.

Was die abstrakte Malerei am Ornament schätzte, waren gerade diese Anteile an Überforderung. Dass Ornament Applikation ist und etwa irgendwo klebt, um einem miserablen Stück Architektur gnädig ein Mäntelchen vorzuhängen, sah die Moderne nicht. Für sie war die Oberfläche, mit der es irgendwie verbunden ist, nicht weniger als Essenz.

Das Ornament unterliegt in den letzten zwei Jahrhunderten entweder einem unproduktiven Verständnis: Dann schwadroniert ein Adolf Loos von "Ornament und Verbrechen". Oder es unterliegt einem produktiven Missverständnis: Dann ist es Auslöser der abstrakten Malerei und Grundgerüst dieser Ausstellung. Bis 7. Oktober


(DER STANDARD, Print, 27.8.2001)

STANDARD-Mitarbeiter Rainer Metzger


-- www.beyeler.com
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