Sonntägliche Sternstundenseligkeit

26. August 2001, 20:01
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Alfred Brendel und Simon Rattle mit den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen

Salzburg - Wie beglückt und sternstundenselig gehen doch viele Festspielbesucher in die Pause - und wie unangenehm ist es, sie als um eine Meinung Befragter nicht ganz und gar bestätigen zu können. So geschehen zur Matineeunterbrechung im sonntäglichen Großen Haus, als der enorme Jubel um Alfred Brendel und um seine Partner, die Wiener Philharmoniker und Simon Rattle, dann doch zur Ruhe gekommen war.

Brendel spielte Beethovens c-Moll-Konzert mit Einsatz, mit starkem Zugriff in den dramatischen, herrischen Abteilungen, indes etwas fahrig, übertrieben schlenkernd in den Verzierungen, im Rauf und Runter des Passagenwerks klanglich etwas eingedickt, mit manch überraschend beidhändigem Einsatz bei gebrochenen Akkorden. Dieser entwaffnende Meister vieldeutigen Parlandos, der verschmitzte Grübler des Alltäglichen, des Unvergänglichen - er glitt bisweilen durch die Rahmensätze, als wollte er seine Debussy-Abstinenz auf Beethovenschem Terrain verbüßen. Einer der schönsten Momente: der Übergang vom zweiten in den dritten Satz, in dessen Verlauf dann eine ganze Reihe von wundersamen Introversionen, aber auch lebenslustigen Heftigkeiten (Finale!) zu bestaunen waren.

Suggestivkraft

Vergleicht man die beiden Orchesterfugato-Passagen im Klavierkonzert und in der Fünften von Mahler, dann musste auffallen, wie sehr Rattle und das Orchester in der Sinfonie mit Klarheit, mit Folgerichtigkeit und daher auch mit Suggestivkraft gesegnet waren. Es gelang überhaupt vom ersten - tadellos sicheren - Trompetenton an eine der denkbar farbigsten und zugleich bedachtesten Wiedergaben dieser hochjauchzenden und dann wieder tödlich-militanten Weltphilharmonie zu erleben.

Rattle weiß, was er will, und er kennt sich mit Mahlers Wünschen an seine Interpreten aus. Das Adagietto nimmt er zügig, nämlich als Liebesgesang (und Herzensadresse an Alma), während die meisten Dirigenten das Stück an der langen Leine führen, als schmerzliches Todespoem.

Eine Bratschistin

In den Reihen der Philharmoniker - man wollte es kaum glauben - eine junge Dame! Eine Bratschistin! Die Neuzeit des Ensembles scheint nun wirklich angebrochen zu sein.

Wenige Tage zuvor hatte im Mozarteum der Pianist Stefan Vladar mit viel Verständnis und guten technischen Möglichkeiten ein "Sturm und Drang"-Programm gemeistert.

Mit den wundersam romantischen f-Moll-Variationen Haydns als motivischem und auch tonartlichem Pendant zur f-Moll-Sonate op. 57 von Beethoven, deren Hitzewellen er mit klarem Kopf zu steigern und zugleich zu kontrollieren verstand. Von den drei Festspiel-Appassionatas in diesem Sommer (Pollini und Barenboim hatten den Vorgriff) war dies wohl die überzeugendste.

(DER STANDARD, Print, 27.8.2001)

STANDARD-Mitarbeiter Peter Cossé

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