Die Frage nach der Menschenwürde

26. August 2001, 16:33
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Biomedizin verlangt eine Neudefinition

Alpbach - Der Fortschritt in der modernen Biomedizin erfordert nicht nur gesetzliche Regelungen, sondern wirft auch in stärkerem Ausmaß als je zuvor die Frage nach der Menschenwürde auf. Dies wurde am Sonntag zum Auftakt der Alpbacher Gesundheitsgespräche von Experten aus den Bereichen Medizin, Theologie und Justiz verdeutlicht. Der Hauptgeschäftsführer der deutschen Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages, Christoph Fuchs, warnte vor einem steigendem Druck in Richtung Selektion und Euthanasie.

Jedes Konzept von Menschenwürde bleibe leer, so Fuchs, wenn sich daraus nicht konkrete Konsequenzen ableiten ließen. Das Dilemma zeichne sich am deutlichsten bei medizinischen Fragen am Anfang und Ende des Lebens ab. "Dort wo kurative Medizin keine Optionen anbietet, droht die Umkehrung des Prinzips 'nil nocere' (nicht zu schaden, Anm.). Sowohl Pränataldiagnostik wie Präimplantationsdiagnostik dienen zunehmend der Selektion. Die Unwilligkeit für palliative Versorgung und Hospize Geld auszugeben, bewirkt einen Druck in Richtung Euthanasie." Ebenso führe die Unwilligkeit der Gesellschaft, Behinderung zu tolerieren, zu einem hohen Druck auf Eltern, ein möglicherweise behindertes Kind nicht zu akzeptieren. Nach Ansicht von Fuchs besteht die "Gefahr, dass am Ende nur noch Egoismus bleibt".

Abstufung

Aus juristischer Sicht könnten Lebens- und Menschenrechtsschutz nur immer wieder in Abwägung neuer Sachverhalte, bisheriger Lösungen und möglicher Folgen definiert werden, sagte Jochen Taupitz vom Medizinrechtsinstitut der Universität Mannheim, Mitglied im Nationalen Ethikrat Deutschlands. Eine Abstufung des lebens- und Menschenrechtsschutzes zu Beginn und Ende des Lebens sei daher "nicht nur hinnehmbar, sondern sogar geboten". Taupitz verwies darauf, dass der Rechtsbegriff der Menschenwürde in sämtlichen gesetzlichen Regelwerken nicht inhaltlich umschrieben ist. "Eine solche positive Festlegung würde zu einer schleichenden Versteinerung führen, weil im Laufe der Zeit immer mehr in die Menschenwürde hineininterpretiert und damit festgeschrieben würde."

Nach Ansicht des Philosophen Ludwig Siep von der Universität Münster, Mitglied der zentralen Ethik-Kommission der deutschen Ärztekammer, ist der Begriff der Menschenwürde ein "unentbehrlicher Maßstab für die Medizin". In vielen strittigen Fragen reiche dieser Maßstab allerdings heute nicht mehr aus. (APA)

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