ÖVP für "Realschule statt Hauptschule"

27. August 2001, 13:38
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Amon denkt Einführung der "Mittleren Reife" an - FP unterstützt Vorstoß - SPÖ: "Unausgegoren"

Wien - Bei der im Herbst geplanten parlamentarischen Enquete zur Weiterentwicklung des österreichischen Bildungswesens - in Folge der sommerlichen Diskussion um Aufnahmeverfahren, Abschaffung der Polytechnischen Schulen und Einführung der "Mittleren Reife" - will die ÖVP ein umfassendes bildungspolitisches Programm präsentieren. ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon legte einen ersten konkreten Vorschlag auf den Tisch: In Ballungszentren soll eine sechsjährige neue Form der Realschule, die mit der "Mittleren Reife" abgeschlossen wird, die nach Ansicht Amons nicht mehr funktionierende Hauptschule ersetzen.

Die neue Realschule soll sich nach Vorstellungen Amons in einen vierjährigen allgemeinbildenden Grundteil und eine daran anschließende zweijährige berufsspezifische Ausbildung gliedern. In diesem berufsspezifischen Teil soll die Möglichkeit geboten werden, zwischen mehreren Schwerpunkten zu wählen, etwa mit kaufmännischen, technischen oder sprachlichen Fokus. Dadurch soll der Abschluss mit einer berufsspezifischen "Mittleren Reife" nach insgesamt sechs Jahren ermöglicht werden.

"Vertikale Durchlässigkeit"

Dieser Abschluss soll verschiedene Möglichkeiten eröffnen, erörtet Amon: Einerseits soll man einen Lehrberuf aus dem gewählten Schwerpunktfeld ergreifen können, sich durch die "Mittlere Reife" aber ein bis zwei Jahre - je nach Dauer der Lehrausbildung - ersparen. Wichtig ist Amon aber auch die "vertikale Durchlässigkeit". Deshalb soll man nach weiteren zwei Jahren im Rahmen eines Vorbereitungslehrgangs die Berufsreifeprüfung ablegen und damit Hochschulreife erlangen können. Für Schüler und Absolventen mit gravierenden Lernschwächen müsste zudem die Möglichkeit einer Teillehre eröffnet werden, um zumindest eine partielle Berufsausbildung zu absolvieren.

Für Amon ist nach Absolvierung der "Mittleren Reife" auch der Wechsel in die AHS denkbar. Man komme nun ohnehin auch in die Debatte um die Oberstufenreform, mit der die AHS-Oberstufe als "bestmögliche Vorbereitung für die Universität" gestaltet werden soll. Dazu müsste man in der 7. und 8. Klasse bereits den Hochschulbetrieb simulieren und etwa verstärkt Seminarbetrieb anbieten. Im Zuge dieser Reform müssten man dann auch die Übertrittsmöglichkeiten von der "Mittleren Reife" gestalten.

Eine Frage des Image

"Die Realschule soll die Hauptschule dort ersetzen, wo diese nicht mehr das erforderliche Niveau erfülllt", sagte Amon, also vor allem in Ballungszentren. In den ländlichen Gebieten, wo die Hauptschule sehr gut funktioniere, könnte sie durchaus weiter bestehen. Sollte sich die Realschule aber sehr gut entwickeln und auch außerhalb der Ballungszentren angenommen werden, könnte sie langfristig die Hauptschule ganz ersetzen. Noch diskutieren müsse man, wie man innerhalb der Realschule leistungsmäßig differenziert, etwa in Form von Leistungsgruppen.

Es sei derzeit vor allem eine Frage des Image, dass Eltern ihre Kindern nicht mehr in die Hauptschule schicken. "Wenn man anstelle der Hauptschule eine Realschule mit einem Abschluss hätte, der meine Möglichkeiten vervielfältigt, wäre das eine sehr gute, stark berufsorientierte Alternative."

FP unterstützt Vorstoß

Weitgehende Zustimmung signalisierte der freiheitliche Bildungssprecher Karl Schweitzer zum Vorschlag von ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon, das System Hauptschule-Polytechnikum zumindest in Ballungsräumen durch sechs-jährige Realschulen zu ersetzen. Vorsichtig ist dagegen noch der SPÖ-Bildungssprecher Dieter Antoni, man sei prinzipiell zu Gesprächen bereit, zum jetzigen Zeitpunkt sei die Idee allerdings noch "zu unausgegoren", sagte Antoni.

Antoni wies darauf hin, dass in der Steiermark bereits ein Schulversuch zur Realschule gemacht worden sei, man habe die Sache allerdings nicht weiter verfolgt, da nicht klar sei, was jemand in Österreich mit einer Mittleren Reife anfangen könne. Dies müsse auf jeden Fall vorab geklärt werden, betonte der Mandatar. Auch müsste Amon klarstellen, wie er sich die Übertrittsmöglichkeiten von oder zu einer Realschule vorstelle. Grundsätzlich sei die SPÖ aber zu Gesprächen bereit, so Antoni.

Schweitzer reklamiert die Idee einer Mittleren Reife für Österreich ohnehin für sich und plädiert auch weiterhin vehement dafür. Die Hauptschulen seien vor allem in den Ballungsräumen durch falsche Politik in den vergangenen Jahrzehnten kaputt gemacht worden. Realschulen seien zudem im Sinne der Betriebe, durch den Abschluss einer Mittleren Reife könne ein junger Mensch unter Beweis stellen, dass er "das Zeug für einen gefragten Facharbeiter" habe.

Das Argument, dass eine Realschule Mehrkosten für die öffentliche Hand bedeuten würde, lässt Schweitzer nicht gelten. "Wenn man einrechnet, wie viel AHS-Absolventen heute unnötig an den Unis herumhängen, die gar nicht das Zeug oder den Willen zum Studieren haben, so kann ein neues System mit Mittlerer Reife durchaus kostenneutral verwirklicht werden", so der Mandatar. (APA)

Anfang August hatte Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl die Abschaffung der Polytechnischen Schule und eine neue Ausbildung der 14- bis 16-Jährigen mit dem Abschluss einer "Mittleren Reife" gefordert. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) hatte sich bereit erklärt, die Einführung der "Mittleren Reife" "ernsthaft zu prüfen". Und auch SPÖ-Bildungssprecher Dieter Antoni hatte sich "gesprächsbereit" erklärt.
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