Die Kunst leben bis zum Exzess

26. August 2001, 20:13
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"Der letzte Poet der Décadence": Philippe Léotard 1940-2001

Paris - "Er wäre gerne der letzte Poet der Décadence", titelte vor ein paar Jahren einmal die französische KP-Tageszeitung l'Humanité ein Interview mit Philippe Léotard: Damals hatte der Sänger, Schauspieler und Schriftsteller gerade eine neue CD mit Chansons veröffentlicht. Einmal mehr jedoch kam man bei Léotard mit Spezialisierung nicht weit.

Der Bruder des früheren Verteidigungsministers Francois Léotard erinnerte sich an maoistisches Engagement im Rahmen der 68er-Bewegung. Ebenfalls in dieser Zeit hatte er Ariane Mnouchkine bei der Gründung des Pariser Théâtre du Soleil unterstützt, etwa mit einer Dramatisierung von Gautiers Capitain Carcasse. Er schwärmte lebenslang von seinem Idol Antonin Artaud. Wie dieser war er nach Drogenexzessen schon einmal in einer Anstalt gelandet (was er im autobiografischen Bericht Die Klinik beschrieb).

Und dann natürlich Léotard, der Haupt- und (meist) Nebendarsteller von über 60 Filmen. Der Wegbegleiter der Nouvelle Vague, in Arbeiten von Truffaut und Maurice Pialat, dessen immenses Spektrum zwischen unberechenbarer Aggression und umwerfendem Charme am prägnantesten in Bob Swaims La Balance (1982) ausgelotet wurde. An der Seite seiner Lebensgefährtin Nathalie Baye spielte er da einen Zuhälter in den Fängen brutaler Polizisten.

Léotard schien insgesamt mehr an intensivem Leben und Schaffen als an eitlen "Glanzpunkten" interessiert. Den österreichischen Regisseur Peter Patzak beschenkte er etwa mit einem begnadeten Auftritt im nicht ganz so begnadeten TV-Film Im Kreis der Iris. Am Samstag, drei Tage vor seinem 61. Geburtstag, ist Philippe Léotard in einem Pariser Krankenhaus einem Lungenleiden erlegen. (cp - DER STANDARD, Print, 27. 8. 2001)

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