Dies sind unsere Geisteskinder

25. August 2001, 11:24
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Der Computerspezialist Ray Kurzweil, im STANDARD-Interview, sieht die Verschmelzung von Mensch und Maschine auf uns zukommen

Der Computerspezialist, Erfinder und AI-Pionier Ray Kurzweil sieht die Verschmelzung von Mensch und Maschine auf uns zukommen, hält den Fortschritt der Technologie für unvermeidbar und hofft, dass uns das menschlicher machen wird. Mario Kaiser hat mit ihm gesprochen.

Mit 17 spielte er in einer amerikanischen TV-Show ein Klavierstück, welches, wie die Quizgäste erraten mussten, sein Computer komponiert hatte. Das war 1965, und Ray Kurzweil wurde über Nacht zum Wunderkind am Elektronenhirn. Kurz danach ehrte Präsident Johnson ihn als "young American scientist". Ehrungen sollte es noch viele geben - etwa die von Clinton überreichte Nationale Technologiemedaille. Kurzweil wandelte sich unterdessen zum ernsthaften Informatik- und Literaturstudenten (Abschluss am MIT), Programmierer, Firmengründer (Kurzweil Computer Products entwickelte Schrifterkennungssoftware und den ersten Flachbettscanner), Pionier von elektronischen Instrumenten und Erfinder im Bereich Künstliche Intelligenz (AI). Seine Unternehmen, die er gewinnbringend verkaufte, sind noch heute in ihren Bereichen führend aktiv. Seit 1990 ist der nunmehrige Chef von Kurzweil Technologies auch noch als Buchautor tätig, er beschreibt die Chancen avanciertester Technik und gilt in gewisser Weise als Gegenpol zum Techno-Pessimisten Bill Joy. Heuer wurde Kurzweil der bedeutende und mit 500.000 Dollar dotierte Lemelson-MIT-Innovationspreis verliehen.

Mario Kaiser: Sie schreiben in Ihrem Buch "The Age of Spiritual Machines", die wichtigste politische und philosophische Frage dieses Jahrhunderts sei die Definition dessen, wer wir sind. Wer wird definieren, wer wir sind?

Ray Kurzweil: Auf einer philosophischen Ebene wird das jeder Einzelne für sich entscheiden müssen. Für die Gesellschaft als ganzes wird diese Frage politisch entschieden werden. Die politische Auseinandersetzung mit dieser Frage werden die Maschinen gewinnen, weil sie extrem intelligent sein werden. Sie werden in der Lage sein, sich so geschickt zu verhalten, dass sie biologische, nicht-biologische und hybride Menschen von ihrer Definition überzeugen werden.

Wie wird diese Definition lauten?

Kurzweil: Es wird keine klare Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine geben. Biologische Menschen werden ihre Intelligenz durch eine enge Verbindung mit nicht-biologischer Intelligenz steigern. Wir setzen heute schon Maschinen in unsere Körper ein, um bestimmte Behinderungen und Schwächen zu überwinden. Im Jahr 2030 werden wir alle unsere Intelligenz mit Hilfe von Nanobotern verbessern - das sind mikroskopisch kleine Roboter, die durch unser Blut in unser Gehirn schwimmen können. Diese Nanoboter können milliarden verschiedene Positionen in unserem Gehirn einnehmen. Etwa im Jahr 2035 wird der Denkprozess in unserem Gehirn eine Verbindung aus biologischen und nicht-biologischen Prozessen sein. Im Jahr 2050 wird der größte Teil des Denkens auf diesem Planeten nicht mehr biologisch sein. Aber er wird eng mit biologischem Denken verbunden sein.

Wird dieser neu installierte Geist ein Bewusstsein haben?

Kurzweil: Die Frage kann man nicht wissenschaftlich beantworten. Es gibt keine Maschine, in die man ein nicht-biologisches Wesen stecken könnte und dann geht ein Licht an und signalisiert: Ja, es hat ein Bewusstsein. Wir führen heute die gleiche Diskussion über Tiere. Hat ein entwickeltes Tier ein Bewusstsein? Manche Wissenschaftler werden Ihnen eine Definition des Bewusstseins geben: Die Fähigkeit, unter Verwendung von Sprache über sich selbst nachzudenken. Aber das ist eine beliebige Definition. Sie beantwortet die grundlegende Frage nicht: Hat dieses Wesen wirklich ein Bewusstsein oder verhält sie sich nur auf überzeugende Weise so, als ob es eins hätte? Es ist schwer, über den Unterschied zwischen Menschen und Maschinen zu diskutieren. Unsere Neuronen sind komplexe Maschinen.

Wenn ich mir die Frage stelle, was bin ich eigentlich, würde ich antworten, dass ich zuallererst aus biologischem Material bestehe. Aber das stimmt nicht. Die Partikel, aus denen ich mich zusammensetze, sind völlig andere als noch vor sechs Monaten. Wir erneuern einen Großteil unsererselbst in relativ kurzer Zeit. Was also bin ich? Ich bin im Grunde nur ein Muster von Informationen, ein Muster von Materie und Energie, dessen biologisches Material ständig erneuert wird. Ich bin wie ein Muster im Wasser, das einen Fels umspült. Das Muster bleibt stundenlang das gleiche, aber das Material, aus dem es besteht, verändert sich. Wenn ich also nur ein Muster bin, gibt es keinen Grund, warum man dieses Muster nicht kopieren und in einem anderen Medium rekreieren könnte. Wir werden letztlich akzeptieren müssen, dass nicht-biologische Wesen ein Bewusstsein haben. Das ist kein wissenschaftlicher Beweis, dass sie eins haben. Aber wir werden sie nicht länger von Wesen unterscheiden können, von denen wir glauben, dass sie ein Bewusstsein haben.

Internet-Pionier Bill Joy sagt, ein körperloser Geist sei wie ein Gehirn in einer Tüte. Man könne den Geist nicht vom Körper trennen.

Kurzweil: Ich glaube in der Tat, dass menschliche Wesen einen Körper brauchen. Auch nicht-biologische, menschenähnliche Gehirne werden einen Körper brauchen. Wir machen rasanten Fortschritt in der Rekonstruktion unserer Körper. Es gibt eine Reihe von Optionen, auf die wir zurückgreifen können: menschliche Körper, mit Biotechnologie verbesserte menschliche Körper, mit Nanotechnologie verbesserte menschliche Körper und menschliche Körper, die nur in virtueller Realität existieren. Ist das nicht ein Eingeständnis, dass, was auch immer auf uns Menschen folgen wird, nicht menschlich sein wird?

Kurzweil: Ich bin überzeugt, dass die Technologie, die wir kreieren, ein Ausdruck unserer menschlichen Zivilisation ist. Diese Technologie wird letztlich so subtil und umfassend und komplex sein, dass sie sich nicht von menschlicher Intelligenz, menschlichem Verhalten und menschlicher Persönlichkeit unterscheiden lassen wird. Sie wird tief in unsere Persönlichkeit integriert sein. Wir werden den Punkt erreichen, an dem es für die Leute nicht mehr wichtig sein wird, ob das Denken und die Persönlichkeit Teil eines biologischen oder eines nicht-biologischen Körpers ist. Was wir heute als Maschine betrachten, werden wir in der Zukunft als menschlich akzeptieren. Dies sind unsere Geisteskinder. Sie sind Hybriden unseres biologischen Erbes, verbunden mit unseren technologischen Schöpfungen. Sie sind ein Ausdruck unserer menschlichen Zivilisation, und deshalb sind sie menschlich. Es gibt viele Dinge, die wir an Menschen wunderbar finden: die Fähigkeit, Musik zu komponieren; den richtigen Tanzschritt zu machen; uns eloquent mit Worten auszudrücken. Aber wie oft müssen wir feststellen, dass es uns in bestimmten Situationen nicht gelingt, ganz und gar menschlich zu sein? Uns kommen nicht immer die richtigen Ideen, wir finden nicht immer die richtigen Worte, wir machen nicht immer die passende Bewegung.

Ist es nicht genau das, was uns menschlich macht?

Kurzweil: Ja, aber ich glaube, dass die Technologie uns ermöglichen wird, noch menschlicher zu sein. Sie kann uns alle zu Künstlern machen, sie kann uns alle kreativer machen. Sie kann unsere Menschlichkeit verbessern und uns im positiven Sinne des Wortes menschlicher machen.

Sind unsere Schwächen nicht ein Teil unserer Menschlichkeit?

Kurzweil: Das liegt in der Natur des Wissens. Manchmal erkennen Leute, dass, wenn alle alles wüssten, die Herausforderung des Lernens von Wissen verloren ginge. Es ist unmöglich, alles zu wissen. Je mehr wir wissen, desto weniger wissen wir. Je mehr Probleme wir lösen, desto mehr Probleme werfen wir auf. Mit den fantastischen Möglichkeiten, die in 100 Jahren existieren werden, werden wir ein Wissen haben, das alles übertrifft, was wir uns heute vorstellen können. Aber der Horizont unserer Ignoranz wird noch viel größer sein. Vergleichen wir nur unser heutiges wissenschaftliches Wissen mit dem vor 500 Jahren, als es noch in eine handvoll Bücher passte. Unser heutiges Wissen ist so umfassend, es ist aufgeteilt in tausende Fachgebiete und vergrößert sich exponenziell. Aber das bedeutet nicht, dass wir alle Antworten gefunden haben. Die Fragen haben sich ähnlich multipliziert. Wir werden niemals perfekt sein.

Wir sind nicht so wichtig, wie wir immer glaubten - die höchste Schöpfung der Evolution?

Kurzweil: Ich behaupte das Gegenteil. Der Sinn des Lebens ist es, sich weiterzuentwickeln. Evolution ist in vielerlei Hinsicht ein spiritueller Prozess. Wenn wir die Produkte der Evolution über die Jahrtausende betrachten, werden sie intelligenter, schöner, kreativer - alles, was wir Gott nennen. Evolution kreiert niemals einen Gott. Aber sie nähert sich Gott. Menschen waren die erste Spezies mit der Intelligenz, Technologie zu kreieren. Der nächste Schritt in der Evolution ist, unsere Intelligenz durch eine Verschmelzung mit unseren Kreationen, mit unserer Technologie, zu vergrößern. Dieser Schritt wird unsere menschliche Zivilisation noch intelligenter, noch kreativer und noch schöner machen.

Was ist mit dem Argument, dass Wissenschaft das Rätsel der Natur nicht lösen kann, weil wir ein Teil des Rätsels sind, das wir zu lösen versuchen?

Kurzweil: So wie das wissenschaftliche Wissen gewachsen ist, haben sich die Rätsel des Lebens vertieft. Wir verstehen jetzt besser, wie Biologie funktioniert und wie das Universum konstruiert ist. Aber es hat das Rätsel nicht verkleinert. Es hat es vergrößert, es hat unsere Wertschätzung dieses fantastischen Rätsels vergrößert. Die Wissenschaft wird dieses Rätsel nicht lösen, denn das würde all die Kräfte zerstören, die die Evolution vorantreiben. Es ist, als ob wir eine Zwiebel schälten - wir bekommen mehr und mehr Einblicke, aber mehr und mehr Tiefen des Rätsels bleiben.

Bill Joy hat das mit dem Ödipus-Mythos verglichen. Ödipus findet die Wahrheit über sich heraus und es zerstört ihn. Ist jede Wahrheit es wert, entdeckt zu werden?

Kurzweil: Wenn wir der Moral dieser Geschichte folgen wollten, müssten wir die Suche nach allem Wissen beenden. Der fundamentale Fehler in Bill Joys Analyse ist, dass man die wünschenswerten Aspekte der Technologie von den nicht wünschenswerten trennen kann. Diese Dualität liegt in unsere Natur - menschliche Wesen können überragend kreativ sein und überragend zerstörerisch. Ich glaube behaupten zu dürfen, dass Wissen und Technologie der Menschheit großen Nutzen gebracht haben. Es geht uns nachweisbar besser, und wenige Leute, einschließlich Bill Joy, wollen wirklich zu der Art von Leben zurückkehren, wie es vor 200 Jahren war. Aber mein Optimismus ist eher eine persönliche Einstellung als eine wissenschaftlich belegbare Position. Obwohl Bill Joy und ich oft an zwei verschiedene Seiten gestellt werden - er ist der Technologie-Pessimist und ich bin der Optimist - verteidige ich sehr oft seine Position, wenn es um die existierenden Gefahren geht. Eine Reihe von Wissenschaftlern behauptet, dass es in den kommenden 100 Jahren keine nanotechnologischen Wesen geben wird, die sich selbst vervielfältigen können. Diese Wissenschaftler ignorieren die Tatsache, dass sich die Fortschrittsrate beschleunigt. Wir verdoppeln die Fortschrittsrate alle zehn Jahre. Wir werden den Fortschritt von 100 Jahren in 25 Kalenderjahren erleben, den Fortschritt von 20.000 Jahren in 100 Kalenderjahren. Diese Szenarien sind sehr realistisch, und die Antwort kann nicht sein, sie unter den Teppich zu kehren und so zu tun, als ob nichts wäre. Die zerstörerische Seite der Technologie wird sich genauso beschleunigen wie ihr Potenzial.

Werden Menschen Implantate benutzen müssen, wenn sie mit den Maschinen mithalten wollen?

Kurzweil: Wir könnten Nanoboter in unser Gehirn einsetzen, um neue neurale Verbindungen herzustellen. Statt nur 100 Billionen Verbindungen in unserem Gehirn zu haben, könnten wir die Nanoboter dazu nutzen, die Verbindungen auf 200 Billionen zu verdoppeln oder den Umfang des Gehirns zu vervielfachen und unser Erinnerungsvermögen millionenfach auszuweiten. Wir wären in der Lage, Wissen herunterzuladen und die Menge an Wissen, die wir beherrschen können, zu vergrößern. Im Moment ist unser Denken auf diese 100 Billionen Verbindungen beschränkt. Das ist keine besonders große Zahl, und wir stoßen ständig an unsere Grenzen. Alle sind frustriert. Wir können nur eine gewisse Zahl E-mails beantworten, eine gewisse Zahl Internetseiten anklicken, eine gewisse Zahl Kinofilme sehen und uns mit einer gewissen Zahl Menschen unterhalten. Wenn wir größere Kapazitäten hätten, könnten wir mehr Erfahrungen machen, mehr Wissen beherrschen, schneller und klüger sein.

Wenn die Technologie gleichzeitig so leistungsfähig und so billig wird, birgt das nicht auch Gefahren?

Kurzweil: Die Gefahr, von der Bill Joy spricht - und ich bin ebenso der Meinung, dass sie existiert - ist, dass diese Art von Kommunikationstechnologie Macht in die Hände von einzelnen Personen legt. Aber das ist in vielerlei Hinsicht eine gute Sache. Das ist eine demokratisierende Kraft. In den achtziger Jahren hieß es, die Sowjetunion werde auseinander fallen wegen der demokratisierenden Kraft elektronischer Kommunikation. Sobald Leute miteinander in Kontakt bleiben können, zerstört es die Basis einer totalitären Kontrolle von Information. Es ist für eine totalitäre Regierung nicht länger möglich, sich einfach die Fernseh- und Radiostation zu schnappen und alle im Dunkeln zu lassen. Während des Putsches gegen Gorbatschow 1991 war es nicht Jelzin auf dem Panzer, der die Machtübernahme verhinderte, auch wenn es so aussah. Es war tatsächlich, dass illegale Netzwerk früher Formen von E-mail und Faxgeräten, das der totalitären Kontrolle von Informationen das Genick brach. Heute ist das Internet eine enorm leistungsfähige, demokratisierende Kraft, und es fegt die totalitären Regime hinweg. Es demokratisiert Dinge auch auf anderen Ebenen, zum Beispiel das Verhältnis von Ärzten und ihren Patienten. Durch das Internet sind Patienten besser informiert als jemals zuvor, und sie besuchen ihre Ärzte ausgerüstet mit umfangreichem Wissen.

Die Gefahr ist, dass dies auch die zerstörerische Natur der Menschen demokratisiert. Die größten Gefahren, über die Bill Joy gesprochen hat, sind die sich selbst vervielfältigenden Technologien. Am nächsten dran sind wir in der biologischen Welt. Wir sind nicht mehr weit entfernt von dem Tag, in dem jemand in einem einfachen Universitätslabor ein Designer-Pathogen kreieren kann. Die Nanotechnologie liegt etwas zurück, aber in 20 bis 25 Jahren wird es möglich sein, nicht-biologische Einheiten zu kreieren, die sich selbst vervielfältigen können. Diese sind potenziell gefährlicher als biologische Pathogene, weil sie viel stärker und intelligenter sind.

Was schlagen Sie vor?

Kurzweil: Die Antwort ist keine einfache und nicht unbedingt eine bequeme. Sie ist eine Kombination aus Sorgfältigkeit auf verschiedenen Ebenen. Das beginnt mit umfassenden ethischen Richtlinien in diesen Berufen. In der Biotechnologie haben wir das schon. Die Kontrollen auf diesem Gebiet sind sehr strikt, es ist bereits überreguliert. Dann gibt es gesetzliche Kontrollen, es gibt eine Überwachung, die versucht Terroristen aufzudecken, die Technologien missbrauchen wollen. Hinzu kommt die Entwicklung technologischer Sicherheitssysteme. Wir müssen Technologie benutzen, um Technologie zu bekämpfen. Oft gibt uns gerade das Wissen über eine zerstörerische Technologie den nötigen Einblick, um eine Schutztechnologie zu entwickeln. Denken Sie nur an eine Gefahr, die vor ein paar Jahrzehnten noch nicht existierte - das Computervirus. Als die ersten Viren auftauchten, schlugen eine Reihe von Experten Alarm. Sie behaupteten, dass die erste Generation von Computerviren zwar nicht besonders hoch entwickelt sei. Doch sobald die Viren weiter entwickelt seien, würden sie Computernetzwerke völlig zerstören. Welche Erfahrung haben wir gemacht? Es gibt Computerviren jetzt seit einiger Zeit, und sie haben sich weiter und weiter entwickelt. Sie haben trotzdem keine Computernetzwerke zerstört. Sie sind zerstörerisch, und wir machen uns weiterhin Sorgen ihretwegen. Aber sie sind nicht viel mehr als eine Belästigung. Niemand würde vorschlagen, wir sollten wegen der Viren alle Computer und das Internet und alle Computernetzwerke abschaffen.

Werden wir unsterblich?

Kurzweil: Das Wesen des Todes wird sich auf eine Weise ändern, die wir heute noch nicht zu schätzen wissen. Wenn jemand heute stirbt, geht alles Wissen dieser Person verloren. Es besteht eine untrennbare Verbindung zwischen der Hardware und der Software unserer Leben. Bei unseren Computern ist das anders. Wenn wir einen neuen Computer kaufen, werfen wir die alten Dateien nicht einfach weg. Wir kopieren sie herüber und benutzen sie weiter. Die Software unserer Computer hat eine Lebensdauer, die unabhängig von ihrer Hardware ist. Das heißt aber nicht, dass sie ewig lebt. Wenn man eine Datei 15 Jahre lang nicht benutzt und dann versucht sie zu öffnen, wird man feststellen, dass das Programm sie nicht mehr lesen kann. Software stirbt, wenn sich niemand um sie kümmert. Wir werden an den Punkt kommen, an dem wir so lange leben können, wie wir jemandem wichtig sind - oder so lange wir uns selbst wichtig sind. Die Entscheidung über Leben oder Tod wird in unseren eigenen Händen liegen. Man sollte meinen, dass die Leute diese Kontrolle haben wollten, aber eine Reihe von ihnen will das gar nicht. Sie beruhigt die Tatsache, dass dies nicht in ihren eigenen Händen liegt. Die Leute wollen sterben. Nicht heute. Nicht morgen. Aber nicht in allzu ferner Zukunft. Wir werden den Punkt erreichen, an dem unsere Lebensdauer nicht mehr von der Lebensdauer unserer Hardware abhängen wird.

Jetzt widersprechen sie einer These, die Sie in The Age of Spiritual Machines aufstellen: dass der Tod unserem Leben einen Sinn gibt, dass Zeit ihre Bedeutung verlieren würde, wenn es zuviel davon gibt.

Kurzweil: So sind menschliche Wesen gewickelt, und ich glaube in der Tat, dass wir dies überwinden müssen. Für mich persönlich ist Wissen von überragendem Wert, und Evolution ist ein spiritueller Prozess, der sich hin zu größerem Wissen bewegt, zu größerer Intelligenz, größerer Kreativität, größerer Schönheit, größerer Liebe. Ich glaube an die Evolution. Evolution schafft tieferes und reichhaltigeres Wissen, und das treibt uns letztlich vorwärts. Aber das Gefühl, dass Zeit begrenzt ist, haben wir in uns eingebaut. Schon heute verlängern wir unsere Lebenserwartung jedes Jahr um ein halbes Jahr, und in zehn Jahren werden wir sie jedes Jahr um ein ganzes Jahr verlängern. Aber so denken die Leute nicht. Sie haben immer noch die Vorstellung, dass das menschliche Leben etwa 80 Jahre lang dauert, mit ein bisschen Glück vielleicht 90 Jahre. Dieses Gefühl, wenig Zeit zu haben, treibt uns an. Mit der Evolution wird alles immer schneller, wir haben also weniger Zeit, um bestimmte Fortschritte zu machen, bevor die nächste Generation kommt. Wir werden unser mortalitätsgetriebenes Gefühl von Zeit durch ein evolutionsgetriebenes Gefühl von Zeit ersetzen.

Die Zukunft braucht uns also doch?

Kurzweil: Ich glaube schon. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.8.2001)

Interview von Mario Kaiser

Kurzweils "Age of Spiritual Machines" erschien auf Deutsch als "Homo s@piens. Leben im 21. Jahrhundert. Was bleibt vom Menschen?", als Taschenbuch bei Econ/Ullstein.
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