Architektur: Welzenbachertrara

24. August 2001, 20:54
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Wie man in einem Wettbewerb siegt, aber nicht gewinnt

Vergangene Woche berichtete das ALBUM über die Rettung einer Architekturperle in Hall in Tirol. Dort werden die Architekten Marta Schreieck und Dieter Henke das Turmhotel Seber (*) von Österreich-Moderne-Urahn Lois Welzenbacher aus dem Jahr 1931 nach Maßgabe in seinen eleganten, derzeit kaum noch zu erahnenden Originalzustand rückführen und mittels eines zweiten Turmes sowie anderer notwendiger Zubauten zu einem modernen Kongresshotel aufwerten.

Die Initiative Welzenbacher - eine Chance für Hall in Tirol hatte die Rettung des alten Hauses dank mehrjähriger Aktionen und intensiver Bemühungen, alle waltenden Kräfte zusammenzubringen, zustande gebracht. Was aus den Unterlagen, die sie dem STANDARD betreff den Welzenbacher-Wettbewerb zur Verfügung stellten, leider nicht hervorging, ist der Umstand, dass ihn eigentlich ein anderer gewonnen hat, und zwar der Architekt Gerold Wiederin. Er konnte mit seinem Projekt im Mai sowohl die Architektenjuroren als auch die Vertreter der Stadt Hall überzeugen und räumte den ersten Preis einstimmig ab. Wiederins Hotelarchitekturen wurden jedoch - ebenfalls geschlossen - zu einer Nachbearbeitung empfohlen.

Die Phase der sogenannten Nachbearbeitung eines Wettbewerbs ist natürlich sinnvoll, zugleich aber auch ausgesprochen gefährlich und heikel. Leicht fallen ihr ganze Projekte aufgrund gezielter Verstümmelungsmaßnahmen der Auftraggeber zum Opfer, und, wo solches architektenseits verhindert werden will, zerkrachen die gerade erst aufgenommenen Beziehungen zwischen Bauherren und Architekten gleich wieder. Sehr schwierig, sehr kompliziert, sehr abhängig von den Temperamenten auf beiden Seiten.

Gerold Wiederin und die Stadt Hall konnten zueinander jedenfalls auch nach sechswöchiger Frist und mehreren Überarbeitungen nicht finden, weshalb die Stadtväter schließlich dem zuvor zweitgereihten Projekt von Henke & Schreieck den Vorzug gaben. Da die beiden anständige Architektenkollegen sind, verlangten sie, dass die Jury nochmals einberufen werde. Die trat zähneknirschend unter ihrem Vorsitzenden, dem Schweizer Architekten Quintus Miller, zusammen, befand mit vier gegen drei Stimmen, dass die Überarbeitung nicht ausreichend und überzeugend ausgefallen sei. Sie empfahl jedoch auch nicht explizit die Realisierung des zweiten Preises, weil die Haller Henke & Schreieck von sich aus und ohne Jurybeschluss zur Überarbeitung gebeten hatten, was nicht gerade zum guten Bauherrenton gehört.

Quintus Miller denkt sich jedenfalls sein Teil. Der Schweizer meint: "Darüber war ich nicht erstaunt, sondern erzürnt, denn diese Vorgangsweise war nicht gemäß unserer Abmachung. Was die Stadt Hall tut, bleibt ihr überlassen, aber es ist sehr ärgerlich und unverständlich. Da kamen ganz unterschiedliche Haltungen zu Architektur und Städtebau zum Ausdruck, und vor allem die Politik, die eben ihre eigenen Wege geht. In dieser unoffenen Art habe ich das als praktizierender Architekt anderswo allerdings noch nie erlebt."

Ob er als Schweizer künftig Architekturwettbewerbe in Österreich - sei es als Juror oder als Teilnehmer - meiden will? Miller: "Ja, ich würde mich zuvor jedenfalls sehr genau informieren und eine Teilnahme von den Bedingungen, den Fachjuroren, dem Umfeld, abhängig machen. Die Bauherrenschaft muss sich, wie das andernorts üblich ist, verpflichten, das Wettbewerbsresultat anzuerkennen und umzusetzen und die Sache nicht dem politischen Geschmack überlassen. Die Grundlage eines guten Wettbewerbswesens .
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, Album, 25. 8. 2001)

Von Ute Woltron
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