Spanien im Migrantenstreit mit Marokko

24. August 2001, 20:02
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Madrid beschuldigt Rabat, zu wenig gegen Schleusermafia zu tun

Madrid/Rabat - Aus dem Boot gestoßen, dann ertrunken - das war das Schicksal von neun afrikanischen Immigranten, die es am Donnerstag nicht von der marokkanischen Küste bis auf die Kanarischen Inseln geschafft hatten.

Kurz vor der Isla de Lobos, zwischen Fuerteventura und Lanzarote, hatten sich die Schleuser ihrer menschlichen Fracht entledigt, um schneller vor der Polizei flüchten zu können. - Es dürften nicht die letzten Opfer gewesen sein im Flüchtlingsstrom, der an den Küsten Marokkos jeden Sommer anschwillt, wenn die See ruhig scheint.

Unüberwindbare Distanzen

Knapp 100 Kilometer Seeweg sind es von Marokko auf die Kanaren, kaum 40 zum Campo de Gibraltar, und nur ein paar Meter Sperrzone und Zaun liegen zwischen dem maghrebinischen Königreich und den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla. Oft genug unüberwindbare Distanzen für Flüchtlinge Afrika.

Größer wird in diesen Tagen auch die politische Distanz zwischen Spanien und Marokko: "Simplifizierend, ungenau, schwer hinnehmbar" schallte es am Donnerstagabend aus Rabat. Gemeint war die scharfe Kritik aus Madrid an der Marokkos Grenzschutzpolitik: Aus den Reihen der spanischen Regierung hatte es am Dienstag geheißen, Rabat bringe viele Menschenleben in Gefahr, weil es nicht gegen gegen die Schleusermafia kämpfe.

Engere Zusammenarbeit gefordert

In einem Brief der am Mittwoch der marokkanischen Botschaft übergeben wurde, forderte Madrid dann offiziell eine engere Zusammenarbeit bei der Begrenzung des Flüchtlingsstroms - die gegenwärtige Situation sei inakzeptabel. Madrid beklagt die "Passivität" Rabats und mahnt die südlichen Nachbarn, sich an das Übereinkommen über die Einwanderung zu halten, das beide im vergangenen Juli abgeschlossen hatten.

Marokkaner setzen auf Härte

Die Marokkaner fühlen sich nun als Sündenböcke. Sie verweisen auf ihre Anstrengungen beim Vorgehen gegen die Migration. Zwischen 1. Jänner 2000 und 30. Juni 2001 habe man mehr als 15.000 Schwarzafrikaner und Asiaten ausgewiesen, auch über 20.000 Marokkaner, die illegal nach Europa wollten, seien festgenommen worden.

Marokkos Küstengewässer trüben übrigens noch in einem anderen Zusammenhang die Beziehungen zu Spanien: Rabat hat heuer das Fischereiabkommen mit der EU nicht verlängert und somit viele spanische Fischer von ihren traditionellen Fanggründen abgeschnitten. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 25./26.8.2001)

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