Die Überfahrtsgesellschaft

24. August 2001, 19:15
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"Was ihr wollt" versank im Buh-Orkan

Nachdem "Was ihr wollt" im Buh- Orkan versank, stellt sich die Frage: Haben sich die Salzburger Schauspielreformer in ihren Adressaten getäuscht?

Salzburg - Halten zu Gnaden: Man bekommt nichts mehr geboten für seinen Batzen Geld, den man im Kartenbüro der Salzburger Festspiele wichtig hinlegt! "Reihe fünf Parkett?" - Ja, das konveniert mir und meiner schmerzlichen Hälfte. Tolle Draufsicht aber. Die leisten was für meine Märker. Tadellöser!

Wir kommen aus Wanne-Eickel und gucken uns heut' Was ihr wollt an. Ist von dem ollen Shakespeare. Da geht irgend so ein Gör namens Viola in Illyrien auf Grundeis. Ist aber nicht faul, das Mädel. Wirft sich einen Boy-Fummel über und geht so einem versifften Herzog um den Bart, obwohl der einer anderen Ulknudel namens Olivia an die Wäsche will . . . Egal, gibt schließlich Wichtigeres im Leben. Heute darf ja auch schon jede Tunte bei uns aufs Standesamt, da kann mich Altvater Shakespeare nicht mehr wirklich piesacken.

Meine zur Hälfte Bessere und ich, wir fühlen eine große Verbundenheit mit den Festspielen. War immer so, ist klar wie Kloßbrühe. Wir treffen hier die Industriekumpels wieder, aus Sauerland und Saarbrücken. Die einen machen in Autozubehör, die in anderen in Tubenmilch. Ja, wir sind "Piefkes". Wir buttern ordentlich Bimbes in diese schnuckelige Blätterteigkulisse. Wir reichen den Katholiken was 'rüber, damit die sich ihren Fassadenputz leisten können. Nach Was ihr wollt geht es übrigens, wie gewöhnlich, in den "Goldenen Hirschen", und bei Taubenbrust am Rhabarberschaum kann man so ein Kunsterlebnis prima nachklingen lassen. Dann ist Feierabend.
Nun gibt es da aber einen kleinen Belgier, mit Brillen, dick wie fünf Pilsgläser am Stück. Der hat aus unseren Festspielen etwas gemacht, worauf wir echt nicht abkönnen. Riskiert 'ne dicke Lippe. Knallt den Hoteliers einen vor den Latz. Unter denen haben wir Freunde fürs Leben, verstehen Sie? Der flämische Knülch lädt auch noch seine Revoluzzer-Kumpels ein, alte APO-Asoziale, Rudi Dutschke und Konsorten. Die machen dann groben Unfug, pissen auf die Bühne (okay, da war ich nicht dabei!), und seither geht auch das Schauspiel hier in Salzburg vor die Schweine. Kannste nichts machen! Stehst du machtlos gegenüber!


Der Terrorist

So, und damit bin ich schon wieder bei Was ihr wollt, Donnerstagabend im Landestheater. Hat so ein Eidgenosse verbrochen, ein Terrorist mit Rosenwangen und gekringeltem Haar. "Christoph Marthaler".

Nein, gekringelt haben wir uns echt nicht, Thusnelda und ich. "Tusse", hab' ich ihr zugeflüstert, "haste gesehen? Die sitzen alle auf 'nem ollen Kahn, und dann saufen sie literweise schottischen Apfelsaft, sonst passiert nix. Und ab und zu steht so ein Dicker auf und kugelt über einen anderen drüber, und so ein langer Dünner, der ,Narr', singt so komisches Zeugs, mit 'ner ganz hohen Stimme. Mir wird och schon ganz schwiemelig von dem Gedöns, was, Tusse?" Tusse hat nur geschnaubt. Die, glaub' ich, war schon fast hinüber.
Aber weiter zurück im Kanon. Shakespeare, wissen Sie, war ja noch vor einigen Jahren Ehrensache in Salzburg. Da kam der Stein und brezelte den Julius Caesar auf. Dann kam noch der Coriolan, und am Schluss die olle Kleopatra.

Die wimmerte zwar wie 'ne Edelnöle, und ich dachte schon, die müsste jeden Augenblick für kleine Mädchen. Piepegal. Die Männer hatten lustige Sandalen an. Ging zu wie bei Asterix bei den Goten, und wenn du in der riesigen Felsenreitschule, in der schon dieser Reinhardt Max malocht haben soll, eine Mütze Schlaf nimmst, macht dir kein Schwanz ein Drama daraus. War alles im grünen Bereich.
Stein ging. Dann kam so eine alte Type, die hieß "Nagel", und mit ihm hielten die Asozialen Einzug, aber echt im großen Stil. Lauter Arbeitslose auf der Bühne! Spielten Troilus, komplett mit Alphorn, dicken Fatzkes und so 'nem Speiübel-Kram. Fiel uns schon mal der Deckel runter.
Und jetzt also Was ihr wollt. Unfasslich: Erst dieser Reinfall mit der Fledermaus, wo auch die Dings, die Prinzliche, na? - Danke, ja, wo also die Sunnyi Melles nachher so geweint hat und die Sonja Kirchberger sie hat trösten müssen.

Wer tröstet aber mich? Wer gibt mir meine Kröten wieder? Nee, wir haben's echt bis zum Schluss durchgestanden. Mein Buh klingt diesem ungewaschenen Schweizer heut' noch in den Ohren nach. Worauf Sie einen lassen können! Ich habe nichts geschnallt an diesem Abend. Einfach gar nichts. Eine Galerie wie eine Schiffsbrücke, darunter, wie schon verklickert, diese Rüpel, die fallen und dösen und schreien. So ein Kerl namens Malvolio trägt auch noch gelbe Strümpfe. Ein anderer bläst die Trompete. Ist ja zum Auswachsen. Gott sei Dank macht der Belgier jetzt bald die Fliege! Kann dieses Gelichter aus Zürich gleich huckepack mitnehmen. Mit Handkuss, wie man bei euch sagt!
Was sagen Sie? Die "Rüpel" kommen bei Shakespeare wirklich vor? Klamottentausch und so Kokolores - alles echt? Marthalers Inszenierung wird europaweit gefeiert? Hören Sie einmal gut zu, junger Mann: Lernen Sie erst einmal Bilanzen lesen! Und dann kommen Sie wieder, nach Salzburg - wenn Sie sich trauen!

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 8. 2001)

Ronald Pohl

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