"Ich erwarte mir nicht, dass ich gewinne"

24. August 2001, 17:02
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"Hundstage"-Regisseur Ulrich Seidl übt sich in Zweckpessimismus

Wien - Der österreichische Film ist auf internationalen Festivals so gefragt wie nie zuvor. In Cannes konnte Michael Haneke mit seiner Jelinek-Verfilmung "Die Klavierspielerin" gleich drei Preise einheimsen. Dieser Tage packt der Regisseur Ulrich Seidl die Koffer, um zu den Filmfestspielen nach Venedig zu fahren. Sein Film "Hundstage" wurde in den Wettbewerb um den Goldenen Löwen eingeladen. "Ich erwarte mir nicht, dass ich gewinne", meint der Filmemacher, "wichtig ist mir eines: Ich wollte mit 'Hundstage' meinen bisher besten Film machen. Ich glaube, das ist mir gelungen. Was in Venedig weiter passiert, lässt sich ohnedies nicht abschätzen."

Der Mann

Ulrich Seidl, Jahrgang 1952, hat im vergangenen Jahrzehnt mit seinen Dokumentarfilmen die österreichischen Kino- und Fernsehzuschauer polarisiert. In "Good News" (1990) widmete er sich gastarbeitenden Kolporteuren, in "Die letzten Männer" (1994) heimischen Liebeshungrigen und ihren exotischen Ehefrauen, in "Tierische Liebe" (1995) den mitunter extremen Beziehungen von Menschen zu ihren Haustieren. Während Werner Herzog über "Tierische Liebe" meinte, er habe "noch nie im Kino so geradewegs in die Hölle geschaut", wollte der ORF Zungenküsse zwischen Herrchen und Hundchen und ähnlich waghalsige Dinge seinen Zusehern nicht zumuten und verzichtete trotz Mitfinanzierung auf die Ausstrahlung des Streifens. Der Regisseur mache die von ihm Porträtierten lächerlich, lautete bisher stets der Hauptvorwurf gegen Seidl, er bringe sie dazu, sich zu entäußern und steigere mittels Schnitt und Ausschnitt ihre Selbstdarstellung ins Groteske.

Der Film

Mit "Hundstage" ist (fast) alles anders. "Der Film spielt natürlich in einer anderen Kategorie. Er gilt als mein erster Spielfilm." Ulrich Seidl sagt das leicht ironisch, damit gleich klar wird: So einfach ist die Sache nicht. "Ich mache zwischen Dokumentarfilmen und Spielfilmen keinen Unterschied. Meine bisherigen Filme waren als Dokumentarfilme angelegt - vom Budget und vom Etikett. Aber zuletzt waren sie, etwa bei 'Models', dem Spielfilm sehr nahe." Derlei Schubladisierungen seien ihm "nicht wichtig", doch unterscheide sich "Hundstage" tatsächlich von seinen bisherigen Filmen: "Es hat ein Drehbuch gegeben, auch wenn es unüblicherweise keine Dialoge enthalten hat. Die mussten improvisiert werden." Und erstmals arbeitete Seidl bei dem 21-Millionen-Projekt sowohl mit Schauspielern, als auch mit darstellerischen Laien zusammen. "Niemand spielt sich selbst", bringt Drehbuch-Co-Autorin Veronika Franz die Sache auf den Punkt, "und niemand wird in seiner eigenen Umgebung gezeigt."

Schauplatz von "Hundstage" ist "eine Gegend zwischen Autobahnen, Megamärkten und Einfamilienhaussiedlungen, die weder Stadt noch Land ist" (Seidl). Hier löst die drückende Hitze der hochsommerlichen Hundstage bei den Menschen "einen Ausnahmezustand aus, in dem sie gereizt, apathisch, aggressiv oder sexualisiert werden". Sechs Geschichten werden lose miteinander verbunden. Da gibt es etwa den Alarmanlagenvertreter (gespielt von einem "echten" Alarmanlagenvertreter), ein junges, im ewigen Kreislauf von Liebe, Eifersucht und Gewalt verstricktes Paar, ein anderes Paar, das die Scheidung bereits hinter sich hat und einander im noch gemeinsamen Heim schweigend belauert oder eine Lehrerin, die sich den Launen ihres Liebhabers (gespielt von einem Swingerclubbesitzer) ausliefert. "Es ist ein Film über die Enttäuschungen der verloren gegangen Liebe genauso wie ein Film über den Wahnsinn des Normalen, über den Wahnsinn des Alltags", sagt Ulrich Seidl - und wirkt dabei glücklich darüber, bisher selbst diesem Wahnsinn entkommen zu sein.

Der Wahnsinn

Der "Wahnsinn" des Filmemachers Ulrich Seidl kann es dagegen ganz schön in sich haben. Ungewöhnlich lange Vorbereitungszeiten (bei "Hundstage" 1 1/2 Jahre) verschaffen seinen außergewöhnlichen Arbeitsmethoden beste Bedingungen. "Der Erfolg des Films hängt vollkommen von der Vorbereitung und der Besetzung ab. Wenn die nicht stimmt, kann der Film nicht aufgehen."

Für das Drehbuch zu "Hundstage" wurde das Archiv des Regisseurs geplündert. "Ich sammle seit vielen Jahren Ideen, Notizen und Bildmaterial - der Entwurf einer Welt, vieler Welten." Zunächst destillierten Seidl und seine Lebensgefährtin Veronika Franz 14 Geschichten über Liebe, Einsamkeit, Sehnsucht und Gewalt aus dem Materialfundus und erarbeiteten einen gemeinsamen lokalen und zeitlichen Überbau - weniger als die Hälfte davon schaffte es schließlich in den fertigen Film. "Mit den gestrichenen Geschichten könnte man also locker 'Hundstage 2' machen", lacht Seidl.

Die Crew

In langen Castings wurde die Besetzung zusammengestellt, professionelle Darsteller wie Maria Hofstätter, Christine Jirku und Georg Friedrich ebenso wie Nichtschauspieler. "Es geht nur darum, Leute zu finden, die gut und authentisch sind. Manche Schauspieler können das hervorragend - andere überhaupt nicht", sagt Seidl, "Ich kann nur mit Leuten arbeiten, die meine Methode kennen und auch so arbeiten wollen. Und die ihre eigene Sprache sprechen. Viele Schauspieler reden ja nur noch in einer Theatersprache."

Die Drehortsuche stellte sich als fast ebenso aufwändig heraus. "Meine Intention war es, nur Originalmotive zu finden. Aber wie macht man das? Man fährt herum, läutet an und fragt die Leute, ob sie bereit wären, für einige Zeit auszuziehen und bei sich drehen zu lassen. Man arbeitet wie ein Hausierer." In der Gegend von Wiener Neustadt wurde man schließlich fündig. Doch die Hölle der Durchschnittlichkeit und der Anonymität, versichert Seidl, ist überall: "Man könnte diesen Film an vielen Orten der Welt drehen."

Der Dreh

Nach Drehstart ist Seidl ganz Betreuer seiner Schauspieler. "Sie geben den Rahmen vor und nicht die Technik", kehrt er die üblichen Produktionsbedingungen um, "man muss dann drehen, wenn sie bereit sind, nicht, wenn das Licht stimmt." Ganz stimmt das natürlich auch nicht. Schließlich hatte sich Seidl in den Kopf gesetzt, einen Film ganz ohne Wolken und nur mit natürlichen Schweißperlen zu drehen. Weswegen die Crew ständig den Himmel beobachtete und der Regisseur bei 33 Grad im Schatten einheizen und Wolldecken herbeischaffen ließ - und die Schauspieler an den Rand der Meuterei trieb. Ein paar Wolken sollen sich übrigens doch in den Film geschmuggelt haben. "Auf Wettervorhersagen kann man sich gar nicht verlassen", flucht Veronika Franz, auch als Regieassistentin im Einsatz, "Da kann man genauso gut würfeln."

Schon bald nach der Uraufführung des Filmes am 3. September in Venedig (in Österreich läuft "Hundstage" vermutlich im Jänner 2002 an), kann Ulrich Seidl erneut die Koffer packen. Das Filmfestival in Toronto hat nicht nur seinen jüngsten Streifen eingeladen, sondern auch eine kleine Werkschau des Regisseurs angesetzt. "Ich habe es in Österreich nie leicht gehabt mit meinen Filmen und bin nur über den Erfolg im Ausland zu Anerkennung gelangt", sagt Seidl, der die Lage des heimischen Filmschaffens aus finanziellen Gründen für äußerst prekär hält: "Die Situation ist paradox: Seit ein paar Jahren macht der österreichische Film von sich reden, und gerade in dieser Situation versucht man, ihm die Existenzgrundlage zu nehmen. Österreich ist ein Entwicklungsland im Bereich des Films, so ein kleines Land kann nur dadurch auf sich aufmerksam machen, dass es eigenartige und eigenwillige Filme hervorbringt."

Die Politik

Doch bekanntlich herrscht derzeit zwischen Filmszene und Kulturpolitikern ein eher frostiges Gesprächsklima. "Als Filmemacher kann ich nicht verpflichtet sein, zu der Regierung loyal zu sein - dann sind wir im Stalinismus", erregt sich Seidl, "Österreich bekennt sich immer als Kulturnation. Dass dies in besonderem Maß auch für den Film gelten müsste, weil er international besser wirken kann als etwa Literatur und Theater, hat man nicht begriffen. " (APA)

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