"Befreiung am Ende? Am Ende Befreiung!"

27. August 2001, 10:21
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Die neunte internationale Konferenz über feministische Theorie und Theologie und deren politischen Implikationen ging zu Ende

160 Theologinnen aus 27 Ländern, darunter christliche Theologinnen unterschiedlicher Konfessionen, sowie jüdische und muslimische Theologinnen, kamen von 19.-23. August 2001 zur 9. Internationalen Konferenz der Europäischen Gesellschaft für Frauen in theologischer Forschung nach Salzburg, um über politische Implikationen feministischer Theologien und Theorien zu diskutieren. In Referaten und Diskussionen zeigten sich die Theologinnen entschlossen, religiöse Traditionen aus unterschiedlichen kritisch-feministischen Perspektiven fortzuschreiben und zu erneuern und theologische Inhalte mit gesellschaftlicher Relevanz zu formulieren. Unübersehbar hat die Arbeit feministischer Theologinnen in den letzten Jahrzehnten zu Aufbrüchen und Erneuerungen der Religionen geführt. In einer gemeinsamen Resolution zu neuen christlichen Bibelübersetzungen und zur jüngsten römisch-katholischen Liturgieinstruktion, sowie einem offenen Solidaritätsbrief an die ökumenische Frauenordinationsbewegung WOW warnen die Theologinnen die Kirchenleitungen davor, Erkenntnisse feministischer Theologie weiterhin zu ignorieren und damit immer mehr an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Verantwortung für und Erneuerung von Tradition

Die jüdische Theologin und Rabbinerin der Wiener Or Chadasch Gemeinde, Eveline Goodman-Thau ermutigte die anwesenden Frauen, die Verantwortung für die Tradition zu übernehmen und dabei nicht auf die Anerkennung der Institution zu warten. Es ginge nicht länger darum, über Rollen und Rechte zu diskutieren, sondern nach eigenen Regeln mitzubestimmen.

Vielfältige Zugänge zu Theologie und Spiritualität

Weitere Referate gaben Einblicke in die Arbeit muslimischer Feministinnen (Sa’diyya Shaikh) und die Arbeit mit Erinnerungen von Frauen in den ehemals sozialistischen Ländern Zentral- und Osteuropas (Miroslava Holubova), beleuchteten aktuelle Diskussionen zur Gender-Theorie (Anne Louise Erickson), sowie Rassismus und Konstruktionen des Weiß-Seins (Eske Wollrad) und zeigten das Potential dialogischer Imagination für feministische Theologien und Religionswissenschaft auf (Kwok Pui-Ian). Gemeinsamen Liturgien - von der muslimischen Meditation bis zur ökumenischen Eucharistiefeier einer anglikanischen, einer alt-katholischen und einer protestantischen Priesterin - machten unterschiedliche spirituellen Zugänge, aber auch die selbstverständliche liturgische Leitungskompetenz von Theologinnen deutlich.

Globale Krise als spirituelle Krise

In Abschlussreferat der Konferenz benannte die englische Theologinnen Mary Grey die globale Krise als spirituelle Krise und unterstrich die Notwendigkeit des leidenschaftlichen Einsatzes für Veränderungen. Der Einsatz für weitreichend religiöse und gesellschaftliche Transformationen sei die wichtigste Aufgabe für Theologinnen heute. Mit der Verabschiedung einer Resolution am Ende der Konferenz setzten sich die Teilnehmerinnen der Konferenz ganz in diesem Sinne für die zeitgemäße Vermittlung eines „freien und lebendigen Gottes“ ein und kritisieren die anhaltende Identifikation Gottes mit dem männlichen Geschlecht in neuen christlichen Bibelübersetzungen und der jüngsten römisch-katholischen Liturgieinstruktion.

In einem Solidaritätsbrief an die internationale ökumenische Frauenordinationsbewegung WOW (Women’s Ordination Worldwide) weisen sie jede Form des Ausschlusse von Frauen von Liturgie und Amt zurück und warnen vor Glaubwürdigkeitsverlust der Kirchen und Religionen, sollten diese Gaben und Kompetenzen von Frauen weiterhin mit Argwohn betrachten.

Neue Präsidentin

Zur neuen Präsidentin der Gesellschaft wurde am Mittwoch, 22. 8. 2001, die österreichische Theologin Irmtraud Fischer gewählt. Fischer ist Professorin für Altes Testament und Frauenforschung an der Katholischen Fakultät Bonn und will sich als Präsidentin vor allem für eine weitere Internationalisierung in der Zusammenarbeit von Theologinnen einsetzen.

Entstehung

Die Europäische Gesellschaft für Theologische Forschung von Frauen (ESWTR) wurde 1985 in der Schweiz zur Intensivierung des internationalen Dialogs und der Förderung und Entwicklung von Frauenforschung in Theologie und Religionswissenschaften gegründet und zählt heute über 500 Mitgliedsfrauen, die in theologischer Forschung tätig sind. (red)

9. Internationale Konferenz, Salzburg,
19.-23. 8 2001
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