Frühwarnsystem für Arzneimittel gefordert

24. August 2001, 20:05
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Neben Lipobay auch andere Cholesterinsenker gefährlich

Berlin/Madrid - Die deutsche Regierung hat ihre Kritik an Bayer wegen des Lipobay-Skandals erneuert. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt warf dem Pharmakonzern am Freitag im ZDF vor, eine Studie über gefährliche Nebenwirkungen des Medikaments nur der britischen Arzneimittelaufsicht als zuständiger europäischer Zulassungsbehörde vorgelegt zu haben. Doch wäre der Konzern verpflichtet gewesen, auch die deutschen Behörden zu informieren. Schmidt sagte aber auch, Bayer habe nicht fahrlässig gehandelt, da der Konzern das Medikament inzwischen weltweit vom Markt genommen habe.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller sprach sich inzwischen für ein europaweites, einheitliches Frühwarnsystem bei Arzneimitteln aus. Verbandsgeschäftsführerin Cornelia Yzer sagte, nach dem Vorbild der Europäischen Zulassungsbehörde sollten auch die nationalen Institute nach der Zulassung eines Medikamentes einen Bewertungsbericht erstellen und im Internet veröffentlichen.

Unterdessen wurde am Freitag aus Spanien ein neuer Todesfall im Zusammenhang mit der Einnahme von Lipobay und ähnlichen Präparaten mit dem Wirkstoff Cerivastatin gemeldet. Acht Tage zuvor war das Bayer-Medikament Lipobay in Spanien vom Markt genommen worden.

Konkurrenzprodukte

Nach dem Rückzug von Lipobay nehmen nun US-Verbraucherschützer auch andere Cholesterinsenker ins Visier. Wie berichtet, können Cholesterinsenker aus der Gruppe der so genannten Statine bei erheblicher Überdosierung zu einer unter Umständen lebensgefährlichen Muskelzersetzung führen, der so genannten Rhabdomyolyse. Schwere Nebenwirkungen werden vor allem von der Kombination des Lipobay-Wirkstoffs Cerivastatin und einem anderen Blutfett senkenden Stoff, Gemfibrozil, befürchtet.

"Public Citizen" zufolge soll es durch Lipobay-Konkurrenzprodukte in den USA 52 Todesfälle gegeben haben. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) wollte diese Zahl aber nicht bestätigen. Es gebe nur Hinweise auf 18 Todesfälle im Zusammenhang mit fünf Lipobay-Konkurrenten.

Ein deutscher Pharmakologe, Jürgen Frölich, meint, zahlreiche andere Medikamente würden weitaus mehr Todesfälle verursachen - etwa Viagra (DER STANDARD berichtete). (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.8.2001, APA, AP)

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