Keine Zeit zur Ernüchterung

24. August 2001, 13:19
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Weltweit Tausende Kündigungen in der High-Tech-Branche korrigieren den großen Boom. Dennoch verschärft sich der Wettbewerb um die besten Nachwuchsmanager.

Seit 1995 boomte der Arbeitsmarkt in Europa. Zu 60 Prozent dafür verantwortlich waren die High-Tech- und wissensintensiven Branchen. Allein im Jahr 2000 gab es in diesem Bereich 1,8 Millionen neue Jobs in der EU.

Kündigungswelle

Die überzogenen Erwartungen in die Zukunft und die internationale Konjunkturschwäche führten 2001 zu einer Kündigungswelle bei vielen Flaggschiffen der Branche. Fujitsu, Compaq, Nortel, Hewlett Packard, Nokia, Alcatel, Infineon, Philips, Siemens oder Ericsson kürzten jeweils Tausende Jobs, um die Lage in den Griff zu bekommen.

Beschäftigungsbericht 2001

Doch der jüngst veröffentlichte Beschäftigungsbericht 2001 der Europäischen Kommission zeigt eine grundsätzlich positive Entwicklung der Arbeitsmärkte in der EU: Allein im vergangenen Jahr 3 Millionen neu geschaffene Jobs, davon 70 Prozent Vollzeitarbeitsplätze. Von den neu geschaffenen Positionen wurden übrigens 1,6 Millionen mit Frauen besetzt.

Und außerdem: 80 Prozent geäußerte Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen, steigende Beschäftigungsquoten Jahr für Jahr (2000: 63,3 gegenüber 62,3 Prozent im Jahr 1999), 1,5 Millionen Arbeitslose weniger, die Ziele der EU-Gipfeltreffen in Lissabon und Stockholm für 2010 in greifbarer Nähe (Beschäftigungsrate von 70 Prozent). Vorausgesetzt allerdings, die konjunkturelle Lage spielt mit. Der Bericht hofft für 2001 und die Zukunft auf durchschnittlich 3 Prozent jährliches Wirtschaftswachstum.

Financial Times

Auch die Financial Times schließt sich dem positiven Befund an. Das Bild vom sklerotischen Europa, in dem unflexible Arbeitsmärkte das Beschäftigungswachstum hemmen, sei durchaus nicht mehr aufrecht zu erhalten. Die Karikatur des sozialen Marktmodells in der EU gehöre der Vergangenheit an. Die EU zeigte sich flexibel, innovativ und anpassungsfähig wie viele detaillierte Statistiken des Berichtes im einzelnen belegen (http://europa.eu.int/comm unter Suche: Beschäftigung in Europa 2001).

Prognosen für 2001

Doch schon weisen die Konjunkturdaten Woche für Woche weiter nach unten. Wird man 1,5 Prozent Wirtschaftswachstum für 2001 europaweit schaffen? "Die Daten der EU-Studie für die abgelaufenen Jahre sind schon in Ordnung", meint Ewald Walterskirchen, Konjunkturexperte des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo), "doch die Prognosen für 2001 sind bei weitem zu optimistisch. Die Konjunkturflaute wird auch deutliche Auswirkungen auf den österreichischen Arbeitsmarkt haben. Wie schon bisher sind vor allem die weniger qualifizierten Arbeitnehmer vom Personalabbau betroffen. Wie die jüngsten Entlassungen in der Computer-, Software- und Telekommunikationsbranche zeigten, schützt auch höhere Qualifikation nicht immer vor Kündigung. Hier ist allerdings von einem kurzfristigen Konjunktureinbruch die Rede, mittelfristig zeigen die Prognosen auch für die High-Tech-Branche wieder nach oben."

Führungskräfte

Laut Headhunter Jean-Francois Jenewein wächst gerade in Zeiten einer Konjunktur flaute der bedarf an Topleuten: "Bei Führungskräften können wir in Österreich überhaupt keine Veränderung der Nachfrage wegen der schwachen Konjunktur feststellen. Nur, dass der Wettbewerb schärfer geworden ist. Man will nicht mehr einfach einen guten Kandidaten, sondern schlicht den Besten. Die Top-Führungskräfte, idealerweise im Alter zwischen 30 und 35 Jahren, verfügen heute meist über drei, vier Angebote gleichzeitig. Die großflächige Nachfrage im Telekombereich allerdings beruhigt sich zunehmend. Für die zweite Wahl wird es sicher schwieriger."

In der Krise bestehen

Gerade in Zeiten einer konjunkturell bedingten Krise gilt es daher für den Führungskräftenachwuchs, von den Besten zu lernen. Auch im Falle eines Jobverlustes besteht keine Zeit zur Ernüchterung. Lebenslanges Lernen ist in der wissensbasierten Gesellschaft Voraussetzung für beruflichen Erfolg.

Der Beschäftigungsbericht der Europäischen Kommission zeigt an zentraler Stelle, dass die geringe Job-Mobilität in der EU ein Hauptkriterium für die niedrigeren Beschäftigsraten im Vergleich zu den USA sind. In den 90-er Jahren wechselten nur etwa 225.000 Menschen in ein anderes EU-Land, während in den USA im gleichen Zeitraum 6,7 Millionen über die Staatsgrenzen hinweg einen Job fanden.

Doch nicht nur räumliche Mobilität ist gefordert: Wer seine beruflichen Perspektiven optimieren will, sollte auch den Quereinstieg in Branchen mit ungebrochenem Wachstumspotenzial in Erwägung ziehen, statt nostalgische Gefühle an ehemalige Bastionen des Arbeitsmarktes zu vergeuden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe)

Von Standard-Mitarbeiter Matthias Raftl
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