Genial, aber nicht normal

24. August 2001, 13:40
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Forscher mit Lust am Selbstversuch in "Modern Times spezial"

Die meisten Wissenschafter, die sich im Laufe der Geschichte für ihre Experimente selbst als freiwillige Testperson zur Verfügung stellten, haben die Forschung vermutlich kaum einen Schritt näher an ihr Ziel gebracht. Weil sie nämlich im wahrsten Sinne ihren Forscherdrang auslebten - und zwar an sich selbst. Denn wie heißt es so schön: Neugierige Leute sterben bald.

Deshalb ist es vermutlich auch für den Rest der Welt so interessant, wenn sich jemand wie der britische Kybernetiker Kevin Warwick einen Mikrochip implantieren lässt. Oder der australische Neurophysiologe Simon Gandevia sich selbst Stromschlägen aussetzt, die seinen Körper für rund zwei Stunden lähmen. Gandevia erforscht übrigens den Zusammenhang zwischen Gehirn und Atmung.

Dabei sollte man meinen, dass die Geschichte - vorzugsweise die des Films - von genug abschreckenden Beispielen zu erzählen weiß: Man denke etwa an den armen Wissenschafter, der in Kurt Neumanns The Fly plötzlich mit einem Fliegenkopf auf den Schultern seinem Materie-Transmitter entsteigt und sich nur noch in eine hydraulische Presse retten kann. Oder an David Cronenbergs Remake mit Jeff Goldblum, wenn auch dieser am Ende winselnd um Erlösung bitten muss.

Denn das Experiment an sich selbst bedeutet immer eine Grenzüberschreitung: die Nichtbeachtung jenes Verbotes, das untersagt, am eigenen Körper Hand anzulegen. Der Selbstversuch ist Spielart jener verteufelten Experimente, mit denen verrückte Wissenschafter die Literatur- und Filmgeschichte verunsichern.

Wenn sich also Fredric March in Rouben Mamoulians Dr. Jekyll and Mr. Hyde in das triebhafte Monster verwandelt, ist eine Rückkehr zur Normalität bald ausgeschlossen. Und bei Ray Milland geht in Roger Cormans X - The Man with the X-Ray Eyes (Bild links) das Experiment buchstäblich ins Auge: mit Röntgenblick wird er zum blinden Seher.

Zu beweisen, dass es also überhaupt Sinn macht, sich dem Selbstversuch zu unterwerfen, bleibt wieder einmal Jerry Lewis überlassen: ein Schluck vom Elixier, und schon liegen ihm als Frauenschwarm Buddy Love in The Nutty Professor die Mädchen zu Füßen. Dies wird dem Kanadier Gordon Giesbrecht, der die Auswirkung von Hypothermie, der Unterkühlung des menschlichen Körpers, erforscht, nicht gelingen. Denn Giesbrecht lässt sich mehrere Liter Salzlösung in die Blutbahn leiten und seine Körpertemperatur auf 33 Grad Celsius absenken. Und kontaktiert im Gegensatz zu seinen filmischen Verwandten bei Nebenwirkungen hoffentlich seinen Arzt oder Apotheker. (Michael Pekler/DER STANDARD; Print-Ausgabe, 24. August 2001

"Modern Times spezial"
Forscher als Versuchskaninchen
22.35 bis 23.10, ORF2

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